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Am Weihnachtsbaume …

Dieser Kurzkrimi ist erschienen als LeseKarte® bei: Verlag Zita M., Tressow, 2005.

Sorgfältig maß ich die Länge ab – die Dochte durften nicht zu kurz werden, sonst würden sie im flüssigen Wachs verziehen. Kurz stutzte ich beim Anblick der braun gewordenen Flecken am Docht. Nun, das war nicht mehr zu ändern. Es war bereits Mittag am Heiligen Abend, die Geschäfte hatten schon geschlossen und ich konnte keinen neuen Docht mehr besorgen, musste mit dem verschmutzten auskommen. Ich knotete die Enden der Dochte um Stricknadeln, legte diese über die blutrot bemalten Gläser, so dass die Dochte hinein hingen, die verschmutzten Enden nach unten. Ich hatte gerade das flüssige rote Wachs darüber gegossen, als es klingelte. Es war Breuer von gegenüber mit seinem Kollegen, und diesmal war er dienstlich da.
„Meine Schwester? Tot, sagen Sie? Wie? Warum? Wann? War es ein Unfall?“
„Gestern abend“, erwiderte Breuer, während er meine wachsgefüllten Gläser musterte. Ich war zufrieden, von den unschönen verschmutzten Stellen des Dochtes war nichts mehr zu sehen. Sie waren unter dem Wachs verschwunden, das langsam härtete.
„Kein Unfall. Es“, er räusperte sich, „ich fürchte, es war Mord.“
„Mord?!“ Ich sah die beiden Polizisten an. „Aber wer – wissen Sie, Katja und ich standen uns nicht besonders nah, aber ein Mord ... wer sollte so etwas tun?“
Mein Blick fiel auf mein Bild im Spiegel über der Kommode.
„Standen uns nicht besonders nah“ ist nicht gerade die Wahrheit. Du für deinen Teil hast sie gehasst.
„Nun, wir glauben, dass ihr Mann es getan hat.“
„Rolf? Aber wieso?“
„Wir hatten gehofft, dass Sie uns etwas über die Ehe Ihrer Schwester erzählen könnten.“
„Katjas Ehe, nun ja, ich weiß nicht allzuviel darüber. Wir sahen uns selten. Eigentlich nie, mit Ausnahme der Weihnachtsfeiern bei unseren Eltern. Jedes Jahr trafen wir uns dort für die drei Feiertage. Aber geredet haben wir nicht viel miteinander.“
„Wollten Sie dies Jahr auch bei Ihren Eltern feiern?“ Der jüngere Kollege Breuers warf einen Blick auf meinen Weihnachtsbaum, ein kleine runde Kiefer.
Endlich eine Kiefer, keine dieser langweiligen Fichten, dieser spießigen Edeltannen. Endlich ein Baum, der mir gefiel, der nicht nach Katjas Wünschen ausgesucht wurde.
„Nein, dies Jahr nicht. Meine Eltern sind im Sommer im Urlaub tödlich verunglückt. Dieses Jahr wollte ich allein feiern. Und ich nehme an, meine Schwester auch. Zumindest hat sie mich nicht eingeladen.“
Ich hatte sie einladen wollen. Gestern abend, auf dem Heimweg von der Stadt – ich war nach der Arbeit noch in dem kleinen Laden für Bastelbedarf gewesen – war mir spontan der Gedanke gekommen. Wir hatten nur noch uns, wieso sollten wir nicht wenigstens Weihnachten zusammen feiern? Aber als ich vor ihrer Wohnungstür stand, gerade als ich den Klingelknopf drücken wollte, hörte ich ihre Stimmen in der Wohnung. Und überlegte es mir wieder anders.
Was wäre geschehen, wenn ich doch geklingelt hätte? Wäre Katja noch am Leben?
„Oh, das tut mir Leid.“ Breuer sah enttäuscht aus. Vermutlich, weil er nun auch meine Eltern nicht nach Katjas Ehe würde befragen können. Nun, was die ihm erzählt hätten, könnte ich auch wiedergeben. Die endlosen Schwärmereien über das perfekte Glück, das Rolf und Katja sich geschaffen hatten, die tadellose Ehe, die die beiden führten. Ohne dabei den Seitenblick zu vergessen, der mir deutlicher als alle Worte sagte, dass mein Leben das einer Versagerin war. Ein mittelmäßiger Job in einem Schreibwarenladen und immer noch nicht verheiratet. Aber ich sah keine Veranlassung, den Polizisten von der perfekten Ehe meiner Schwester zu erzählen.
„Es sieht so aus, als hätte es einen handfesten Streit zwischen Ihrer Schwester und deren Mann gegeben. Beide waren betrunken – vielmehr, bei Ihrem Schwager wissen wir das genau, er wurde volltrunken neben der Leiche gefunden. Bei Ihrer Schwester warten wir noch auf die Laborergebnisse. Wissen Sie, ob die beiden öfter getrunken haben?“
„Öfter? Hm, sie haben bestimmt keinen guten Tropfen abgelehnt, bei den Weihnachtsfeiern haben sie vielleicht auch mehr getrunken, als gut gewesen wäre – aber richtig betrunken habe ich sie noch nicht erlebt. Bis auf einmal, aber das ist zehn Jahre her.“
Und auch damals war Weihnachten, ich brachte Rolf das erste Mal mit nach Hause, wir wollten uns verloben. Nachdem er mit Katja drei Flaschen Rotwein geleert hatte, war von unserer Verlobung keine Rede mehr. Ein Jahr später heiratete er Katja.
„Was genau ist denn bloß passiert?“ Es interessierte mich wirklich, welche Schhlussfolgerungen die Polizei gezogen hatte.
„Beim momentanen Stand der Ermittlungen“ – Breuer drückte sich aus wie im Fernsehkrimi – „gehen wir davon aus, dass die beiden zusammen getrunken haben, es dann zum Streit kam, Ihr Schwager Ihre Schwester erwürgte und dann aus Reue oder Schreck bis zur Bewusstlosigkeit weiter trank.“
„Erwürgt. Schrecklich. Schrecklich auch für ihn. Aufzuwachen und festzustellen, dass man mit eigenen Händen ein solches Verbrechen begangen hat.“
„Er hat sie nicht mit bloßen Händen erwürgt. Er hat ein dünnes Band benutzt, einen dicken Paketfaden oder irgendetwas derartiges. Wir haben es nicht gefunden, er muss noch weit genug gedacht haben, dass er die Mordwaffe beseitigt hat.“
„Können Sie denn ohne die Waffe sicher sein, dass er es war?“
„Es bleibt kaum jemand anderes übrig. Die Tür war nicht aufgebrochen, Ihr Schwager kann sich nicht erinnern, dass sie jemanden herein gelassen hätten, und außer den beiden hat niemand einen Schlüssel gehabt, sagt er.“
Was nicht ganz stimmt. Unsere Eltern hatten einen. Beim Ausräumen der Wohnung fand ich ihn in der Küchenschublade. Oh ja, die Arbeit des Wohnung-Ausräumens überließen sie gern mir. Nachedem sie sich das, was sie haben wollten, unter den Nagel gerissen hatten. Ich steckte den Schlüssel in meine Handtasche gesteckt. Eigentlich wollte ich ihn bei Gelegenheit Katja geben – aber da wir uns nie sahen, ergab sich die Gelegenheit nicht. Nun würde sie ihn nicht mehr brauchen.
Ich hatte ihn gebraucht. Dieses eine Mal.
„Trotzdem wäre uns natürlich wohler, wenn wir den Strick oder was es war, finden würden. Es muss Blut des Opfers daran kleben, die Haut ist aufgeschürft. – Aber wir haben Sie lange genug aufgehalten. Es wird Zeit, dass wir gehen.“
Der jüngere Beamte wandte sich zur Tür, Breuer verharrte noch einen Moment bei meinem Weihnachtsbaum. „Eine Kiefer – wir haben dies Jahr auch eine Kiefer, das erste Mal, aber die Kerzen lassen sich nicht gut befestigen. Die Zweige sind zu steil und die Nadeln zu lang.“
„Deshalb gieße ich ja diese Wachslichter“, erklärte ich ihm. „Wenn man die schweren wachsgefüllten Gläser an die Zweige hängt, gibt es keine Probleme und die roten leuchtenden Gläser sehen hübsch aus. – Hier nehmen Sie zwei!“
Spontan drückte ich ihm zwei rot bemalte Gläser in die Hand. „Aber seien Sie vorsichtig, das Wachs ist noch nicht ganz fest. Es darf nicht auslaufen, Wachsflecken gehen schwer wieder raus.“
Fast so schwer wie Blutflecken.
„Danke, vielen Dank – aber ich muss noch ins Büro. Wir müssen noch mal den Vorgarten am Haus ihrer Schwester absuchen. Vielleicht hat er die Schnur aus dem Fenster geworfen. Im Müll war sie nicht.“
„Kein Problem, dann stelle ich Sie Ihnen vor die Tür. In der Kälte werden sie auch schnell fest.“

Abends hängte ich die bunten Gläser an meine Kiefer, zündete die Lichter an, eins nach dem anderen, und sah zu, wie die Flammen brannten, wie sie die rot bemalten Gläser zum Leuchten brachten, wie sie den Docht allmählich vernichteten, langsam, aber gründlich. Irgendwann sah ich aus dem Fenster. Auch bei Breuers brannten die Kerzen am Baum. Ich hatte ihn am späten Nachmittag noch einmal getroffen, sie hatten die Schnur immer noch nicht gefunden. Rolf hatte den Beamten nicht weiterhelfen können, er konnte sich an nichts erinnern.
Nein, wohl kaum. Er lag bereits volltrunken auf dem Boden, als es passierte. Beide lagen sie da, Katja lallte noch etwas und versuchte, sich zu wehren, aber auch sie war schon zu betrunken.
Sie waren schon angetrunken, als ich vor ihrer Tür stand, den Finger fast schon auf dem Klingelknopf. Sie lachten und alberten herum. Und dann begannen ihre Lästereien und Sticheleien, über mich, meine Liebe zu Rolf. Unüberhörbar hallten ihre Stimmen durch den Hausflur. Als Katja sich darüber lustig machte, wie ein rothaariges Pummelchen wie ich sich hatte einbilden können, sie bei einem Mann auszustechen, setzte ich mich auf die Treppe oberhalb ihrer Wohnungstür und wartete. Irgendwann wurde ihr Gelalle müder und verstummte schließlich, Rolfs Gestammel wurde leiser. Diesmal waren es wohl mehr als drei Flaschen gewesen.
Dann nahm ich den Schlüssel und den neu gekauften Kerzendocht aus meiner Handtasche.
Zwei rötliche Lichter schimmerten an Breuers Baum zwischen den gelben – er hatte die beiden rot bemalten Gläser tatsächlich an seinen Baum gehängt und angezündet. Sie leuchteten blutrot, genau wie meine. Zufrieden betrachtete ich meinen Weihnachtsbaum, warf noch einen Blick in das breuersche Fenster. Gerade noch bekam ich mit, wie der graugetigerte Kater der Breuers von irgendetwas erschreckt einen Satz machte und gegen einen Ast stieß. Eins der Gläser geriet ins Rutschen und prallte zu Boden, wo es zerbrach.
Breuer kniete sich neben das zerlaufene und zerbrochene Wachs, klaubte etwas langes, dünnes heraus und hielt es sich vor die Augen.

© Wiebke Salzmann, 2005

Foto der Lesekarte

Dieser Kurzkrimi ist erschienen als LeseKarte® bei: Verlag Zita M., Tressow, 2005.

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