• Wiebke Salzmann

    freie Lektorin und Autorin

  • Text-Wirkerei

  • Wirken an Texten – Wirken von Texten

Diese Geschichte …

war Teil eines Projektes in einem Schreibseminar des Rostocker Literaturhauses, bei dem wir Texte zu Fotos verfasst haben. Mein Foto zeigt das Tor zum Park des Klosters Riddagshausen, Braunschweig.
Eines Sonntags morgens bin ich aufgewacht und hatte die Geschichte komplett im Kopf. Sie ist erschienen in:
„Zwischen Wahnsinn und Methode“, Hrsg.: Dr. Wolfgang Gabler, einer Anthologie mit Texten aus Schreibseminaren an der VHS Rostock.

Tsang

Foto: Klosterpforte Riddagshausen Zeit ihres Lebens hatte Elese in einem Häuschen mit einem einladenden Garten gewohnt, den weder Zäune noch Mauern umgaben. Zwar hausten in der Nachbarschaft viele Hunde, aber es störte sie nicht, wenn diese Hunde durch ihren Garten liefen. Meistens spielte sie sogar mit ihnen. Nur manchmal seufzte sie, wenn die Hunde in allzu ungestümem Spiel die Glockenblumen zertraten.
Doch eines Tages, als sie wieder einen der Hunde zurechtwies, weil er ein tiefes Loch in eines ihrer Blumenbeete grub, knurrte der so Furcht erregend, dass Elese erschrocken zurückwich und den Hund in Ruhe ließ, obwohl das Loch sie fast körperlich schmerzte. Von weitem beobachtete sie das wütend grabende Tier, unschlüssig, was sie tun sollte.
Und da entdeckte sie ihn zum ersten Mal. Sein Körper war eine dunkelrote, formlose Masse. Er war nicht größer als ein Hühnerei und stellte sich als Tsang vor.
„Du weißt nicht, was du gegen den Hund machen sollst?“ fragte er dumpf. „Am besten gar nichts. Sonst beißt er dich noch. Er wird schon verschwinden.“
Das tat der Hund schließlich auch, und Elese machte sich daran, die Schäden im Garten zu beseitigen. Als sie abends ins Haus ging, kam Tsang unaufgefordert mit. Er versicherte, er würde sich ganz klein machen. Also willigte sie ein und bot ihm ein Abendbrot an. Überrascht sah sie, wie Tsang mühelos alles verputzte, was sie in der Speisekammer hatte, ohne ihr auch nur ein Krümelchen übrigzulassen. Sie ging daher hungrig ins Bett.
Am nächsten Morgen wollte sie einkaufen, und da sah sie ihn wieder, den bösartigen Hund vom Vortag. Und wieder grub er ein Loch in eines ihrer Beete. Als sie an ihm vorüberging, wandte er den Kopf und knurrte. Elese beschleunigte ihren Schritt. Aber der Hund lief hinter ihr her und schnappte nach ihren Waden.
Bei ihrer Rückkehr war der Hund immer noch da. Sie sah ihn bereits von weitem und schlug einen großen Bogen über die Felder, um von hinten zu ihrem Haus zu gelangen.
Sie betrat die Küche und stellte irritiert fest, daß Tsang gewachsen war. Er war jetzt so groß wie ein Kalb und hockte dunkelrot und schwammig in der Ecke.
Wieder aß er alles auf, was Elese auf den Tisch stellte.
„Du brauchst einen Zaun“, brummte er, während er die letzten Krümel vom Tisch leckte.
Elese nickte. Da der Hund jedoch erst abends verschwand, baute sie die ganze Nacht. Am Morgen war sie völlig erschöpft, zumal sie seit Tsangs Ankunft nichts mehr gegessen hatte.
Während Tsang den Zaun begutachtete, wuchs er, bis er die ganze Küche ausfüllte.

„Ich habe Hunger“, erklärte er dann.
Ich auch, dachte Elese und ergriff ihren Korb. Dann zögerte sie jedoch, da sie durch das Fenster zwei Hunde beobachten konnte, die draußen vor dem Zaun herumlungerten. Sie konnte nicht erkennen, ob der bösartige dabei war, stellte aber den Korb wieder ab und sah unsicher vor sich hin.
„Bestell doch einen Lieferservice, dann brauchst du nicht auf die Straße“, riet Tsang.
Sie suchte eine Nummer heraus, und während sie telefonierte, sah sie, wie die rote Masse durch die Küchentür quoll und sich im ganzen Erdgeschoss ausbreitete.
Elese mußte nach oben flüchten. So öffnete Tsang dem Lieferservice und nahm die Lebensmittel in Empfang. Anschließend verspeiste er die ganze Lieferung.
Hungrig sah Elese aus dem Fenster und betrachtete ihren Garten. Zu ihrem Schrecken sah sie dann, wie der bösartige Hund ein Loch in den Zaun biss und hindurchkroch. Er knurrte mit gebleckten Zähnen zu ihr hoch und grub wieder seine Löcher.
„Eine Mauer“, grummelte Tsang von unten, „du musst eine hohe Mauer aus Stein errichten lassen.“
Elese ließ also die Maurer kommen, und als die Mauer stand und ein schmiedeeisernes Tor den Weg zur Straße versperrte, erfüllte Tsang das ganze Haus. Elese blieb nur eine kleine Besenkammer im Dachgeschoss.
Seufzend ließ sie sich auf einer Kiste nieder und sah durch die winzige Dachluke nach draußen. Sie beobachtete einige Kinder, die mit zwei oder drei Hunden spielten. Wussten sie denn nicht, wie gefährlich die sein konnten? Doch, sie wussten es. Aber sie wussten sich zu helfen, wie Elese bald feststellte. Als der bösartige Hund dazukam, scheuchten sie ihn mit Steinen und Stöcken weg.
In dem Moment klopfte es in der Kiste. Erstaunt öffnete Elese den Deckel einen Spalt weit. Dann ließ sie das zarte, weiße, kaum fingerlange Wesen herausklettern.
„Puh.“
Das Wesen – es hieß Kareste – schüttelte sich.
„Ich dachte schon, du findest mich nie. Komm, lass uns in den Garten gehen. Ich brauche frische Luft, nachdem ich so lange in der Kiste eingesperrt war.“
Elese sah vom Fenster aus den bösen Hund, wie er von außen die Vorderpfoten auf das Tor legte und in den Garten hineinknurrte. Was, wenn das Tor nicht hielt?
„Nimm die hier.“
Kareste zeigte auf eine spitzzinkige Forke. Als Elese nach einigem Zögern die Forke ergriff, schien Kareste größer zu werden. Sie reichte Elese nun bis zum Knie und marschierte forsch zur Kammertür hinaus. Überrascht stellte Elese fest, daß Tsangs rote Masse aus dem Obergeschoss verschwunden war.
Sie gingen die Treppe hinab, quetschten sich im Flur an Tsang vorbei und betraten den Garten. Der Hund vor dem Tor bellte und geiferte. Elese hörte Tsang kreischen: „Zurück ins Haus! Das Tor bricht!“
Kareste neben ihr schüttelte jedoch den Kopf und verschränkte die Arme: „Blödsinn, Schmiedearbeit zerbricht nicht unter einem Hund!“
Elese nahm die Forke, holte tief Luft, ging auf das Tor zu und brüllte den Hund an. Zwar konnte sie ihn durch das Torgitter mit der Forke nur kitzeln, aber das reichte. Überrascht wich der Hund zurück und verschwand.
Als Elese sich, nach der überstandenen Aufregung immer noch zitternd, im Garten umsah, bemerkte sie, daß Kareste ihr jetzt bis zur Schulter reichte. Tsang hingegen hatte sich in die Küche zurückgezogen.
„Und nun gehen wir einkaufen. Ich habe Hunger.“ Energisch zog Kareste die zögernde Elese mit sich.
Als sie zurückkamen, hockte ein nur noch kalbgroßer Tsang am Küchentisch. Kareste dagegen war jetzt eine Handbreit größer als Elese.
„Ich habe Hunger, ich bin schon ganz schwach!“
Der jammernde Tsang wurde unterbrochen. Ein schwanzwedelnder Hund saß vor dem Gartentor und wollte wie früher zum Spielen hinein. Als Elese in den Garten trat, schrumpfte Tsang auf Hühnereigröße. Er platschte auf den Boden und kullerte in ein Loch zwischen den Dielen.
„Gib mir was zu essen!“ kam es kläglich aus der Bodenritze.
„Nein“, erwiderte Elese und trat ans Tor.
Als sie es öffnete, wuchs Kareste über das Hausdach hinaus und löste sich auf in einen feinen Nebel, der sich auf Haus und Garten senkte.

© Wiebke Salzmann, 2001

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