• Wiebke Salzmann

    freie Lektorin und Autorin

  • Text-Wirkerei

  • Wirken an Texten – Wirken von Texten

Diese Geschichte …

ist erschienen in: Beziehungsweise schreiben. Geschichten aus dem Literaturhaus Kuhtor; Hrsg.: Dr. Wolfgang Gabler. BS-Verlag, Rostock, 2003.

Die silbernen Schuhe

Elese war ein fröhliches Kind. Sie rannte am liebsten durch den Wald, tanzte auf den Wiesen und planschte im Teich auf der Lichtung. Ihre Eltern sahen das gar nicht gern. Sie sagten, es sei gefährlich, sie könnte im Teich ertrinken oder im Wald von Wölfen gefressen werden. Aber Elese kümmerte das gar nicht, es war viel zu schön im Wald.
Elese freute sich seit auf ihren 14. Geburtstag, denn dann würde sie endlich die silbernen Schuhe bekommen, die alle im Dorf trugen. Schon lange beneidete sie die älteren Mädchen um das glitzernde Schuhwerk.
Endlich war der ersehnte Tag da, und sie bekam von ihren Eltern ein Paar besonders schöner Silberschuhe. Stolz trug Elese die Schuhe und ließ sich von ihren Freundinnen bewundern.
Aber bald merkte sie, dass die silbernen Schuhe sehr schwer und zu eng waren. In ihnen konnte sie nicht mehr durch den Wald laufen und über die Wiesen tanzen, sondern musste mühselig Schritt für Schritt das Gewicht der Schuhe heben. Beim Auftreten musste sie vorsichtig sein, die Schuhe drückten, und das tat weh. Und als sie eines Tages wie früher zum Teich baden gehen wollte, schlug ihre Mutter die Hände über dem Kopf zusammen.
„Du kannst in den Schuhen nicht baden! Ihr Gewicht zieht dich hinunter, und du ertrinkst!“
Elese war sehr traurig, als sie das hörte. Sie liebte das Schwimmen im Teich, und nun sollte sie es nie wieder tun können, solange sie die Schuhe trug. Sie betrachtete die fein gearbeiteten silbernen Schuhe, auf die sie so sehnsüchtig gewartet hatte. Dann sagte sie zu ihrer Mutter: „Ich will die Schuhe nicht mehr. Ich ziehe sie aus. Lieber will ich im Wald tanzen und im Teich baden.“
Aber die Mutter schüttelte nur den Kopf. „Das geht nicht. Wenn du die Schuhe einmal angezogen hast, kannst du sie nie wieder ausziehen. Alle tragen solche Schuhe, und alle sind stolz und glücklich, sie tragen zu dürfen – also warum du nicht? Und es ist sowieso viel zu gefährlich im Wald.“
Elese wollte das nicht glauben. Warum sollte sie die Schuhe nicht ausziehen können? Als sie am nächsten Morgen aufstand, versuchte sie es. Sie zog erst den rechten, dann den linken Schuh aus. Es ging ganz leicht. Vergnügt wackelte Elese mit den nackten Zehen und lief dann zum Wald. Aber bevor sie auch nur die ersten Bäume erreicht hatte, spürte sie, wie ihre Füße schwerer und schwerer wurden. Als sie zu ihnen hinabsah, stellte sie erschrocken fest, dass die silbernen Schuhe wieder an ihren Füßen saßen.
Niedergeschlagen kehrte Elese nach Hause zurück.
Am nächsten Morgen versuchte sie wieder, die Schuhe auszuziehen. Aber wie am Vortag waren die Schuhe wieder an ihren Füßen, noch bevor sie den Waldrand erreichte.
Als es ihr auch am dritten Tag nicht gelang, die Schuhe auszuziehen, war Elese so verzweifelt dass sie eines Morgens ein Beil nahm und die Schuhe von ihren Füßen hieb. In ihrer Wut schlug sie so fest zu, dass die silbernen Schuhe in tausend Stücke zersprangen und auch ihre Füße von Wunden übersät waren. Dann stand sie da mit blutenden Füßen und sah die silbernen Splitter auf dem Boden verteilt liegen.
Trotz der Schmerzen war sie erleichtert und glücklich, die inzwischen so verhassten Schuhe los zu sein. Froh machte sie sich auf den Weg zum Wald. Laufen und Springen konnte sie nicht, sie musste humpeln und biss die Zähne zusammen, weil die Füße so wehtaten. Als sie die Waldlichtung mit dem Teich erreichte, wurde der Schmerz in ihren Füßen immer schlimmer, bis sie ihn schließlich kaum noch ertrug. Sie wollte sich Linderung verschaffen, indem sie die Füße in das kühle Wasser tauchte. Da sah sie mit Entsetzen die silbernen Schuhe wieder an ihren Füßen, heil und ohne einen einzigen Kratzer, als hätten sie nie eine Axt zu spüren bekommen. Und auf ihren wunden Füßen drückten sie noch viel schlimmer als vorher.
Da beschloss Elese: „Mit euch kann ich nicht leben, und los werde ich euch auch nicht. Dann will ich überhaupt nicht mehr leben.“ Sie sprang in den Teich. Sofort zog das Gewicht der Schuhe sie tief hinunter auf den Grund.
Überrascht stellte Elese fest, dass sie entgegen der Warnungen ihrer Mutter nicht ertrank. Sie konnte atmen wie oben an der Luft, und als sie den Grund berührte, konnte sie darauf herumlaufen wie auf den Wiesen ihres Heimatdorfes.
Dort unten war es jedoch dunkel, nur in der Ferne sah Elese einen Feuerschein. Als sie darauf zuging, erkannte sie eine Esse. Eine alte Frau schmiedete allerlei kunstvolle Gegenstände. Die Alte war nicht weiter überrascht über Eleses Ankunft, sie sagte nur: „Hilf mir, tritt den Blasebalg.“
Elese tat, wie ihr geheißen.
Die Tage vergingen. Elese trat den Blasebalg und sah der alten Frau zu, wie unter ihren geschickten Händen allerlei Geschirr entstand, Becher, Schalen, Gabeln und Löffel. Lauter Dinge, die schön anzusehen, aber auch nützlich waren. Irgendwann verspürte Elese den Wunsch, selbst das Schmiedehandwerk zu lernen.
Die Alte erwiderte: „Gern bringe ich dir alles bei, aber du musst dir das Metall selbst besorgen.“
Elese schwieg bedrückt. Woher sollte sie Metall bekommen? Also trat sie weiter den Blasebalg. Als sie das Auf und Ab ihrer Füße beobachtete, dachte sie, dass es vielleicht möglich wäre, ihre Schuhe zu verändern – ein paar hübsche Muster anzubringen oder die Schuhe etwas aufzuweiten, damit sie nicht mehr so drückten.
Als die alte Frau von Eleses Idee hörte, trat sie sofort von der Esse zurück und drückte Elese das Schmiedewerkzeug in die Hand. Elese begann mit der Arbeit und bis zum Abend hatte ihr rechter Schuh ein hübsches Muster aus feinen Löchern auf der Spitze. Durch die Löcher konnte das kühle Wasser fließen und Eleses Füße erfrischen.
Als Elese am nächsten Morgen aufwachte, stellte sie fest, dass das Muster immer noch auf dem Schuh war, er hatte sich nicht wieder in seine ursprüngliche Form zurückverwandelt. Ermutigt brachte sie auch am linken Schuh das Muster an. Am nächsten Tag setzte sie ihr Werk fort, indem sie die Schuhe weitete. Dann bekamen sie flachere Sohlen. Im Laufe der Zeit wurden die Schuhe immer bequemer und schöner. Aber es waren immer noch Schuhe. Ob sie auch etwas ganz anderes aus ihnen machen konnte?
Und eines Tages nahm Elese die Schuhe, schmolz sie ein und schmiedete einen Gehstock aus dem Silber.
Als die Alte den Stock sah, sprach sie: „Mehr kannst du hier unten nicht lernen – kehre nun nach oben zurück!“
Elese stieß sich mit dem Stock kräftig am Grund des Teiches ab. Der Schwung trug sie bis zum Ufer. Sie stieg an Land und machte sich auf den Weg. In ihr Dorf wollte sie nicht zurück. Ohne silberne Schuhe würde sie dort nur mit Spott und Hohn empfangen werden. Deshalb wandte sie sich in die andere Richtung, hinein in den Teil des Waldes, in den sich noch nie einer der Dorfleute gewagt hatte.
Sie stützte sich beim Gehen auf den silbernen Stock, trotzdem merkte sie bald, wie beschwerlich die Wanderung im Wald ohne Schuhe war. Spitze Steine und Dornen stachen ihr in die Fußsohlen, immer öfter musste sie ausruhen, weil die Füße wund gelaufen waren. Schließlich saß sie tief im Wald auf einem Stein, sie wusste nicht mehr weiter. Erschöpft starrte sie auf ihre blutenden Füße.
Die Sonne ging unter, und es wurde dunkel im Wald. Nachts war Elese noch nie allein im Wald gewesen, sie begann, sich zu fürchten, als die Tiere der Nacht erwachten und es im Gebüsch raschelte und knackte.
Gerade als der Mond aufging, erklang das schauerliche Geheul eines Wolfes. Elese sprang auf und rannte davon, ihre schmerzenden Füße vergessend. Immer tiefer floh sie in den Wald hinein. Wie entsetzt war sie jedoch, als sie entdeckte, dass sie vor lauter Angst genau auf den heulenden Wolf zugelaufen war. Sie sah ihn im Mondlicht und dachte, ihr letztes Stündlein habe geschlagen. Sie packte ihren silbernen Stock, um ihn als Waffe gebrauchen zu können, hatte aber wenig Hoffnung, sich vor dem Wolf retten zu können.
Der Wolf jedoch begann zu sprechen: „Hilf mir, bitte!“
Elese dachte zunächst, der Wolf wollte sie täuschen, dann sah sie jedoch, dass er gefangen war. Ein Bein saß zwischen zwei Steinen fest. Er würde elend zugrunde gehen, wenn Elese ihm nicht half. Aber wenn sie ihm half, würde er sie fressen. Davor hatte ihre Mutter sie oft genug gewarnt.
Aber ihre Mutter hatte sie auch vor dem Ertrinken gewarnt.
Schließlich fasste Elese sich ein Herz und hebelte mit ihrem silbernen Stock die Steine auseinander. Die Steine gaben das Bein frei, aber der Stock zerbrach dabei.
Als der Wolf frei war, reckte und streckte er sich, und er schüttelte sich, bis das Fell von ihm abfiel. Vor Elese stand wieder die alte Frau vom Grund des Teiches.
„Dein Stock ist zerbrochen“, sprach sie, „aber zum Dank nimm dies.“ Sie gab Elese das Wolfsfell und verschwand.
Traurig betrachtete Elese den zerbrochenen Stock. Wie sollte sie am nächsten Tag mit ihren wunden Füßen weiterlaufen, wenn nun auch noch ihre Stütze zerbrochen war?
Elese saß den Rest der Nacht da und streichelte das Wolfsfell. Es war weich und schmiegsam, und doch zäh und widerstandsfähig. Und während sie das Fell streichelte, begriff sie, was sie tun musste.

Als die Sonne aufging, suchte sie die scharfen Splitter ihres zerbrochenen Stockes zusammen. Mit ihnen zerschnitt sie das Fell und stach Löcher hinein. Dann schnitt sie sich Strähnen ihrer Haare ab und begann zu nähen.
Als die Sonne wieder unterging, besaß Elese ein Paar Schuhe aus dem Wolfsfell.
Schuhe, die fest waren und doch leicht genug zum Tanzen.

© Wiebke Salzmann, 2003

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