• Wiebke Salzmann

    freie Lektorin und Autorin

  • Text-Wirkerei

  • Wirken an Texten – Wirken von Texten

Die Schokoladenkraft

Im Physikunterricht hatte Babette gelernt, es gebe vier Kräfte – aber sie wusste seit langem, dass da noch eine fünfte war. Eine fünfte Kraft, die noch mal ihr Untergang sein würde, wie Agathe nicht müde wurde zu betonen. Gnadenlos ausgeübt von jedem Schokoladenmolekül, das in diesem Universum existierte. Ja, das jemals existiert hatte. Nicht nur, dass es sie magisch anzog, wenn sie irgendwo eins sah, roch oder fühlte. Auch wenn keine Schokolade nah genug war, um sinnlich wahrgenommen werden zu können, nistete die zartschmelzende Verführung sich in ihr Gehirn ein – zweifellos die perfideste Auswirkung der Schokoladenkraft.
Gleich war es soweit, eine der härtesten Prüfungen nahte. Obwohl die Luft mild war wie cremige Alpenmilchschokolade, schlug Babette den Mantelkragen hoch, zog die Kapuze tief ins Gesicht, bis nur noch das Blickfeld geradeaus frei war. Aus der Manteltasche zog sie eine Brille mit nur zwei schmalen Sehschlitzen, wie die Eskimos sie gegen Schneeblindheit benutzten, und setzte sie auf. Dann tastete sie sich vorsichtig den Bürgersteig entlang, den Regenschirm wie einen Blindenstock benutzend. Auf der Höhe von Susis Frisörladen hielt sie mit der linken Hand ihren Kopf fest, um ihn daran zu hindern, sich nach links zu drehen.
Vergebens. Alle Mühe umsonst. Eine sorgfältig aufgereihte Vielfalt an Schokoladen und Pralinen füllte auf einmal das schmale Blickfeld der Sehschlitze aus. Ehlert von „Schokoladen-Ehlert und Söhne“ hatte das gute Wetter genutzt, um Warenständer vor dem Laden aufzubauen. Die Schokoladenkraft schlug zu und zog Babette gnadenlos näher und näher. Orangentrüffel oder Vanille-Champagner-Creme? Kirschjoghurt hatte sie erst heute morgen gehabt. Oder doch lieber Pistazie?
Bevor sie sich entscheiden konnte, stand Herr Ehlert strahlend vor ihr, einen großen Korb und einen Blumenstrauß in den Händen. „Werte Kundin! Ich begrüße Sie hiermit als unseren millionsten Kunden und darf Ihnen dieses Präsent überreichen! Wir freuen uns natürlich sehr, dass wir unsere exklusive Schokoladenauswahl“ – der Korb war randvoll mit Schokolade – „einer unserer treuesten Kundinnen überreichen dürfen! Natürlich würden wir uns freuen, wenn Sie uns auch weiterhin dreimal täglich beehren würden!“
„Ja, und ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihre Augenallergie bald los sind“, unterbrach seine Frau ihn. „Der Korb ist natürlich noch nicht alles.“ Frau Ehlert schwenkte einen Autoschlüssel vor Babettes Nase. „Unsere millionste Kundin erhält den nagelneuen Mercedes S-Klasse dort vor der Tür!“ Babette hatte zunächst nur Augen für den Korb. Orangentrüffel, Vanillechampagner, Pistazie – alles da. Nach den Orangentrüffeln verspeiste sie die Kirschlikörpralinen, während Herr Ehlert sie hinaus zum Wagen dirigierte. „Vollmilchbraun – wenn Sie ihn lieber in Zartbitter möchten, lassen wir ihn selbstverständlich umspritzen!“

„Du hast es also wieder getan!“ Missbilligend starrte Agathe auf den halbleeren Korb. „Du ruinierst dich noch mit dem widerlichen Zeug! Sieh dich doch an! Absolut unförmige 75 Kilogramm bei 1,65! Nimm mich dagegen!“ Agathe präsentierte ihre von Haut überzogenen Knochen. Babette probierte die Tafel Eierlikörschokolade.
„Und dieses schreckliche Auto! Jeden Tag wird es uns an deine Schwäche erinnern! Es ist scheußlich, dekadent – du hättest es ablehnen sollen! Wir sind bislang auch ohne ausgekommen. Wie ein Schandmal steht es da ... Kannst du mich schnell zum Fitnessstudio fahren? Mit dem Fahrrad ist der Berg immer so anstrengend.“

Aus dem schnellen Weg zum Fitnessstudio wurde eine dreitägige Tour vom Yoga über den Öko-Wochenmarkt zum Marathontraining, die ihr vorläufiges Ende nur fand, weil Agathe zu Tante Erna zu Biomüsli mit Magerquark geladen war. Agathe drückte Babette einen Zettel in die Hand. „Hier, mit dem grässlichen Auto ist doch jetzt alles viel einfacher. Wir brauchen noch zwei Zentner Bio-Kartoffeln zum Einkellern, drei Säcke Naturblumenerde und fünf Kisten Wasser. Aber bitte nur ‚Reinste Quelle‘. Die hätten wirklich einen Kombi springen lassen können. Und dass du mir ja nicht wieder in diesen Schokoladenladen gehst! Nichts als Unglück kommt von deiner Sucht nach dem braunen Zeug!“
Babette schloss das Wagenfenster. Die Luft war frisch wie englische Minzschokolade. Vor Ehlert war sie heute sicher, der Kartoffelbauer lag am andern Ende der Stadt. Aber die Schokoladenkraft ist die heimtückischste aller Kräfte. Sie kommt heimlich durch den Äther und lenkt deine Schritte und ohne zu wissen wie, irrst du dich an der Kreuzung, biegst eine Straße zu früh ab und fährst nicht zu Bauer Willems Hof, sondern zum Café „Heidesand“, berühmt für seine Schokoladentorte. Als Babette merkte, wo sie hinsteuerte, betätigte sie die Zentralverriegelung und gab Gas, starr geradeaus blickend. Dann geriet das Schild in ihr Blickfeld. Direkt vor ihr baumelte das Schild mit der Schokoladentorte über der Straße. Das war neu, das hatte sie nicht in ihrer Planung berücksichtigen können. Auch Schilder können die Schokoladenkraft mobilisieren. Es schwankte in der minzigen Luft, winkte und lockte, säuselte, schmeichelte, versprach …
Babette riss den Wagen herum, raste auf den Parkplatz, öffnete mit fliegenden Händen die Tür, kaum dass der Wagen stand, und rannte ins Cafe. Sie kam nicht einmal durch die Tür. Herr Krüger stand mit einer dreistöckigen Schokoladentorte vor ihr und strahlte wie das berühmte Honigkuchenpferd. „Darf ich Ihnen anlässlich unseres hundertjährigen Jubiläums dieses Präsent überreichen? Vor einhundert Jahren hat mein seliger Großvater das Rezept für diese Torte erfunden, die seit dem, das darf ich wohl sagen, ein Markenzeichen unseres Städtchens ist!“
Babette riss ihm die Torte aus der Hand, die Augen glänzten wie flüssige Kuvertüre, und biss ein Ein-Pfund-Stück heraus.
„Ah, ich sehe schon – Sie sind ein Kenner unserer Torte! Wenn ich Sie nun hier herüber bitten dürfte – zu unserer Tombola, bitte sehr, ziehen Sie ein Los!“
„Hm...hmpf...hmm“, brachte Babette zwischen immerhin noch 350 Gramm Schokoladentorte hervor.
„Ah ja, natürlich, Sie haben alle Hände voll zu tun, lassen Sie mich für Sie ziehen.“ Herr Krüger zog ein Los aus der Trommel, entfaltete es feierlich, während Babette sich zum zweiten Stock der Torte vorarbeitete.
„Nein, so was! Herzlichen Glückwunsch! Der Hauptgewinn! Die gnädige Frau gewinnt das Traumhaus im Grünen! Ich beglückwünsche Sie!“

„Schokoladentorte!“ Agathes Gesicht wirkte eher, als hätte man sie zum Leeren einer Flasche Essig gezwungen. „Ich hätte es wissen müssen. Niemals hätte ich dich allein zu Bio-Willem fahren lassen dürfen! Und jetzt sieh dir die Bescherung an!“
Sie deutete entrüstet auf die Sechs-Schlafzimmer-Villa mit Swimming-Pool. „Jeden Morgen, wenn wir auf der Terrasse Yoga machen, jedes Mal, wenn wir durch den Park joggen, werden wir an deine Schokoladensucht erinnert. Grässlich, wie peinlich das alles ist! Wann kommst du endlich los davon? Du ruinierst dich noch – du hast doch nichts dagegen, wenn ich die beiden großen Schlafzimmer mit dem Balkon nehme? Ist der Pool eigentlich geheizt, oder waren sie dazu zu geizig? Und der große Kellerraum ist hervorragend geeignet, einen Fitnessraum einzurichten. Ich werde gleich heute abend die Mädels vom Diätzirkel zur Begutachtung einladen.“

Kaum hatte das erste der Knochengestelle das Haus betreten, flüchtete Babette, verfolgt von mitleidig-empörten Blicken aus hageren, faltigen Gesichtern über pinkfarbenen Fitnessdresses. Immer wenn sie diese hautüberzogenen Skelette sah, überfiel sie Heißhunger nach Schokolade mit Sahnetrüffelfüllung. Sie musste den Anblick loswerden, nur dann kehrten ihre Gedanken zurück zu leichter Erdbeerjoghurtschokolade.
Kopflos lief sie durch einen Sommernachmittag wie Vollmilch-Nuss, bemüht, in Richtung Rübenacker zu fliehen. Sie war sich der Gefahren bewusst, die zahlreich am Wegesrand lauerten. Aber zwischen den Rüben und Kohlköpfen – eine biodynamischer als der andere – war sie sicher. Wenn sie nur schon den Feldrand erreicht hätte! Das heimliche Wirken der Schokoladenkraft bemerkte sie erst, als sie bereits am Tisch von Guidos Eisdiele saß und den Schokobecher mit extra viel Schokoladensauce bestellte hatte.
Der Becher kam – aber er kam von oben. Babette quiekte, als ihr das Eis in den Kragen rutschte und die Schokoladendauce in die Augen rann.
„Nein! Oh nein! Entschuldigen Sie! Ist mir das peinlich! Hat es wehgetan?“
Jemand wischte an ihr herum, rieb die Schokolade gründlich in ihre Haare und entschuldigte sich in einem fort, während das Eis schmolz und ihren Rücken hinunterlief.
„Natürlich komme ich für den Schaden auf! Hier ist meine Karte! Darf ich Sie irgendwohin fahren? Nein? Dann besuchen Sie mich morgen in meiner Firma, ich ersetze selbstverständlich alles!“

„Eingestellt hat er dich gleich? Einen Job beim ersten Haus am Platz? Wie willst du denn jemals Spaß an der Arbeit haben? Mit dem ständigen Gedanken daran, dass es mal wieder Schokolade war, die dir ein Jahresgehalt von 100 000 Euro verschafft hat? Du musst endlich was dagegen tun, weg von der Sucht, du ruinierst uns alle! – Eigentlich könntest du mit dem Gehalt ja nun die Nebenkosten ganz übernehmen, oder?“

Babette war recht erfolgreich in ihrem Job. Aber dann wurde ein neuer Marketingchef eingestellt. Den fand Babette ganz schnuckelig – das Dumme war nur, dass auch die Hagemeier aus der Buchhaltung ein Auge auf ihn geworfen hatte. Andere Körperteile konnte dieses Model für sämtliche Diäten auch nicht mehr werfen. Und auf der Betriebsfeier, einem Abend wie Weinbrandbohnen und Rotweintrüffel – wenn da nicht der Hauch von Essig gewesen wäre – schleppte die Hagemeier den Marketingchef ab. Wer hätte gedacht, dass so ein stattliches Mannsbild auf Reiscracker steht!

Babette krempelte ihr Leben um. Sie unterzog sich einer Hypnose, stopfte ihre Schokoladenvorräte in einen großen Topf und versteckte ihn hinten im Schuppen unter den Gläsern mit der Brombeermarmelade, die wegen ihres Zuckergehaltes von Agathe dorthin verbannt worden waren. Dann trat Babette Agathes Diätzirkel bei. Die Hypnose wurde von Dr. Sauerbier vorgenommen, einem Spezialisten, der die Schokoladenkraft einfach umkehrte. Fortan wirkte sie abstoßend. Wann immer Babette in die Nähe von „Ehlert und Söhne“ oder Krügers „Heidesand“ kam, fühlte sie das zwanghafte Bedürfnis, die Straßenseite zu wechseln oder einen Umweg zu nehmen.
So geschah es an einem Nachmittag, der so trocken wie Getreideschrot war. Babettes Unterbewusstsein nahm die sorgfältig präsentierten Pralinenschachteln in Ehlerts Schaufenster wahr, die Antischokoladenkraft schickte einen direkten Befehl in Babettes Hände, die rissen das Steuer herum und Babette raste mit quietschenden Reifen in die Seitenstraße – alles rechtzeitig, bevor sie die Pralinen hätte bewusst wahrnehmen können. Dumm war nur, dass es eine Einbahnstraße war.
Noch dümmer war, dass es eine sehr enge Einbahnstraße war.
Am allerdümmsten war, dass die städtische Müllabfuhr gerade in dieser Straße Dienst tat.

„Sehr schön! Du machst Fortschritte!“ Agathe füllte den Sprossensalat in zwei Schalen. Schälchen, schließlich haben auch Sprossen Kalorien. „Schon das zweite Mal diese Woche am Schokoladen-Ehlert vorbei! Bald schaffst du es, der Schokolade ganz zu entsagen und endlich sorgenfrei zu leben! Nur einen neuen Mercedes brauchen wir jetzt natürlich. Wie soll ich sonst zum Yoga und zum Nordic Walking kommen?“

Zwei Tage später – an einem Morgen so trübe wie entrahmte Milch – musste Babette auf Geschäftsreise, ein wichtiger Kundenbesuch stand an. Der Weg zum Bahnhof führte direkt am „Heidesand“ vorbei, aber Dr. Sauerbier hatte gründlich gearbeitet. Die Antischokoladenkraft war wachsam und sofort zur Stelle. Babette ließ wie in Trance den direkten Bus zum Bahnhof vorbeifahren und nahm statt dessen den ungefährlichen 7er. Der fuhr zwar nicht zum Bahnhof, sondern zum Schlosspark, aber dafür auf Straßen weit ab vom „Heidesand“ und den Gefahren der Schokoladentorten. Am Schlosspark musste sie umsteigen in die 23 zum Stadion, von dort in die 4 zur Lindenallee und zum Schluss in die 15 zum Bahnhof.
Der Zug war weg.

„Sehr lobenswert! Die ekelhaften Torten hast du nun auch überwunden!“ Agathe mahlte Gerstenschrot. „Bald hast du es geschafft! Sieh nur zu, dass du bald wieder einen Job bekommst. Einer von uns muss schließlich dafür sorgen, dass Geld ins Haus kommt, und ich habe gerade erst mit meinem Pilateskurs angefangen und bin die nächsten zwei Wochen zum Fasten auf den Seychellen. Ich habe keine Zeit zum Arbeiten.“

Das mit dem neuen Job war nicht so einfach – der Weg zum Arbeitsamt führte direkt an Guidos Eisdiele vorbei. Trotzdem machte Babette sich mutig an einem Tag, der sich hinzog wie gummiartiger Halbfettkäse, auf den Weg. Die Antischokoladenkraft rettete sie zuverlässig auch diesmal, zerrte sie aus der Reichweite des Schokoeisbechers mit extra viel Schokoladensauce hinüber auf die andere Straßenseite. Dummerweise hatte Dr. Sauerbier bei der Hypnose vergessen, die Verkehrsregeln mit einzuprogrammieren. Babette dachte nicht daran, nach rechts, nach links und wieder nach rechts zu sehen, bevor sie die Fahrbahn betrat.
Während sie in der Notaufnahme untersucht wurde, schlich Terrassentür-Ede um das Grundstück und die Sechs-Schlafzimmer-Villa. Als Babette ins Krankenhausbett verfrachtet wurde, hatte Ede die Besichtigung abgeschlossen und rief seinen Kumpel Schweißbrenner-Kalle an, um ihm mitzuteilen, die Hütte stehe leer. Während Babette ihre Beruhigungsmittel gehorsam trank, knackte Ede die Terrassentür. Das Beruhigungsmittel wirkte und Babette schlief ihre Gehirnerschütterung aus. Kalle brachte derweil seinen Schweißbrenner zum Einsatz und öffnete den Tresor.

Mit dem Ergebnis des Raubzuges waren Ede und Kalle ganz zufrieden, aber auch Spitzenklasse-Einbrecher sind nicht vor grauem Star gefeit und Ede und Kalle waren nicht mehr die Jüngsten. Sie übersahen den Funken in der Polstergarnitur, und als Babette am Morgen aus dem Krankenhaus entlassen wurde, standen das Sofa und die Gardinen in Flammen. Als sie das Gartentor öffnete, schlugen die Flammen aus dem Dachstuhl.
Es klirrte im Schuppen und etwas passierte in Babettes hypnotisiertem, erschüttertem Gehirn.
Wie mechanisch angezogen lief Babette hinüber, betrat den Schuppen. Beim Anblick des Topfes mit den Schokoladenvorräten brach die Hypnose endgültig zusammen. Babette stürmte zum Regal, zerrte den Topf herunter, stieß dabei gegen eins der vor Hitze geplatzten Brombeermarmeladengläser. Das kippte um und goss seinen Inhalt in den Schokoladentopf. Babette schleppte den Topf nach draußen, brachte sich und die lang entbehrte braune Herrlichkeit in Sicherheit. Die Schokolade war in der Hitze geschmolzen, weshalb es ohne Löffel schwierig war, heranzukommen. Zum Glück war der Deckel des Marmeladenglases hineingefallen. Babette fischte ihn heraus und schöpfte Schokolade.
Brombeeraroma. Gar nicht so schlecht. Aber irgendetwas fehlte noch.
„Nein! Wie konnte das passieren!“ Agathe entstieg dem Taxi, ihr Beauty Case fiel zu Boden, dann Agathe selbst. „Und was … die Schokolade! Du hast nichts als dieses eklige Zeug gerettet? Wo ist mein Delikatess-Müsli, meine Edelsprossenkultur! Meine goldeingelegten Walking-Stöcke, mein diamantbesetztes Pulsmessgerät! Wie konntest du nur! Und wo kriegen wir bis heute abend eine neue Villa her! Kümmere dich darum, die Mädels vom Diätzirkel kommen heute zum …“
Wozu – das sollte die Welt nicht mehr erfahren. Babette schlug einen rußigen Stein auf Agathes Hinterkopf, ihr Kopf kippte in die Brombeerschokoladenmasse. Babette schaffte es mit Müh und Not, die Nascherei so lange zu unterbrechen, bis Agathe sicher erstickt war, bevor sie sie herauszog, um weiter löffeln zu können.
Etwas fehlte. Und mit Zartbitter käme das Brombeeraroma noch besser zur Geltung.
Eine schwarze Limousine hielt hinter Babette, der Chauffeur öffnete einem kugelrunden Herrn die Tür. Der musterte kurz das brennende Haus und die tote Agathe, dann starrte er wie hypnotisiert den Topf an und sog den Duft ein. Nicht sonderlich interessiert fragte er: „Braucht die Dame Hilfe?“, um gleich darauf schwärmerisch die Augen zu schließen und auszurufen: „Es riecht köstlich – so überaus köstlich schokoladig und – was ist das nur?“
„Die? Nicht mehr. Sie ist schon tot. Ertrunken. In Schokolade.“
Der Herr nahm seinen Hut ab und hielt ihn ergriffen vor den kugelrunden Bauch. „Was für ein herrlicher Tod! Ach, dieser köstliche Geruch! Dieses Aroma – brauchen Sie selbst vielleicht Hilfe, meine Liebe?“
„Hilfe? Nein. Vanille brauche ich. Kosten Sie mal – es fehlt Vanille. Und eigentlich sollte man Zartbitter nehmen.“
Der Herr schlürfte die Schokolade vom Deckel, wälzte sie ein paar Mal im Mund und schloss entrückt die Augen. „Unvergleichlich! Phänomenal! Brombeer mit Vanille! – Haben Sie heute noch was vor?“
„Eigentlich nicht.“
„Dann möchte ich Sie zu meiner Chefchocolatière ernennen! Anfangsgehalt 200 000 Euro. Dienstwagen mit Chauffeur selbstverständlich dazu, und als Dienstwohnung die leer stehende Villa neben der Residenz meines gut aussehenden, unverheirateten Sohnes und Alleinerben. Mit sieben Schlafzimmern und beheiztem Pool.“

© Wiebke Salzmann, 2006

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