• Wiebke Salzmann

    freie Lektorin und Autorin

  • Text-Wirkerei

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Frau Holles Weihnachtsbriefe

Frau Holle ist die Haushälterin vom Weihnachtsmann (und, ja, natürlich ist sie auch für das Schütteln von Schnee aus Betten zuständig). Was ihr das Leben richtig schwer macht, sind die Rentiere des Weihnachtsmannes, die jedes Jahr irgendeinen Blödsinn anstellen – vor allem Eric kann das gut. Frau Holle schrieb jedes Jahr zu Weihnachten einen Brief an die Kinder in meinem Bekannten- und Verwandtenkreis und berichtete über den neuesten Ärger mit Ole, Eric und ihren vierbeinigen Kumpels. Da ich die Briefe per Post geschickt habe, gab es Kinder, die tatsächlich geglaubt haben, dass Frau Holle ihnen schrieb. Eine Kindergärtnerin, die das echte Märchen von Frau Holle erzählte, bekam deshalb mächtig Ärger wegen der „Geschichtsfälschung“ …

Liebe Kinder,

Hier ist mal wieder Frau Holle, die Haushälterin vom Weihnachtsmann – Ihr erinnert Euch doch an mich?

Habt Ihr neulich das Morgenrot gesehen? Falls Ihr nicht noch geschlafen habt, aber im Winter kommt das Morgenrot ja erst spät, da wart Ihr vielleicht schon wach. Also das war vielleicht ein Rot, oder? Feuerwehrrot, oder nein, eigentlich war es himbeerrot. So wie Wackelpudding. Ihr kennt doch Wackelpudding mit Vanillesoße? So rot wie Himbeerwackelpudding war jedenfalls der Himmel. Und anschließend hat es den ganzen Tag geregnet. Es hat soviel geregnet – soviel hat es noch nie geregnet. Jedenfalls nicht bei uns am Nordpol.

Aber sicher wollt Ihr auch noch wissen, wie das alles gekommen ist.

Ja, also, der Weihnachtsmann mag genauso gern Wackelpudding wie Ihr. Am liebsten Himbeerwackelpudding mit ganz viel Vanillesoße. Deshalb koche ich mindestens einmal in der Woche einen ganz großen Topf voll. Es muß ein sehr großer Topf sein, denn natürlich wollen die Rentiere auch alle was abhaben. Also habe ich neulich am frühen Morgen, noch vor Sonnenaufgang, meinen größten Topf genommen, habe ihn auf den Herd gestellt und Wackelpudding gekocht. Als der Puddding fertig war, habe ich ihn ins Schlafzimmer getragen, zum Abkühlen auf das Fensterbrett gestellt und das Fenster aufgemacht, weil sowieso gelüftet werden mußte.

Als ich gerade wieder unten in der Küche war, polterte es ganz fürchterlich. Vor Schreck zittern mir jetzt noch die Knie. Wie der Blitz rannte ich nach oben – und was sah ich da?

Mein schöner Topf mit dem schönen Wackelpudding war umgefallen. Der ganze Himbeerwackelpudding lief ins Zimmer hinein, über die Betten- und natürlich auch außen an der Hauswand hinunter, über den Schnee und au weia! über den Himmel. Der halbe Himmel war mit Pudding beschmiert, Ihr könnt Euch das gar nicht vorstellen, der Himmel war im Osten so himbeerrot, daß selbst die Sonne ganz dunkelrot vor Anstrengung wurde, als sie aufging und versuchte, durch den Pudding durch zu leuchten.

Als ich meinen Schreck überwunden hatte, war mir natürlich sofort klar, daß so ein großer Topf voll Pudding nicht von allein umfällt. Und was meint Ihr wohl, wer daran schuld war? Natürlich – es waren die Rentiere. Sie hatten Fußball gespielt, am frühen Morgen Fußball gespielt! Nächste Woche ist das Spiel gegen die norwegischen Rentiere, und unsere Rentiere haben schreckliche Angst zu verlieren, deshalb trainieren sie Tag und Nacht. Ja, und dabei ist der Fußball ins Schlafzimmer geflogen, gegen den Topf geprallt und hat den Topf umgeworfen.

Und nun war der Himmel voll Pudding und meine Betten auch!

Die Rentiere versteckten sich natürlich sofort, als sie sahen, was sie angerichtet hatten. Aber sie benutzen immer dieselben Verstecke, wenn sie was angestellt haben, deshalb habe ich sie sofort gefunden. Und dann habe ich sie losgeschickt zum Saubermachen, noch vor dem Frühstück, jawohl. Schließlich muß der Himmel wieder blau werden! Oder von mir aus auch grau, aber jedenfalls nicht so himbeerrot! Und was haben diese paddeligen Rentiere gemacht? Statt ordentlich einen Eimer und einen Wischlappen zu nehmen, haben sie den Gartenschlauch genommen und erst den Himmel abgespritzt, das ging ja noch, aber anschließend haben sie die Hauswand und meine Betten abgespritzt! Meine Betten! Könnt Ihr Euch soviel Tolpatschigkeit vorstellen? Federbetten mit Wasser abzuspritzen! Klatschnaß waren die schönen Betten! Wie soll ich denn wohl aus klatschnassen Betten Schnee schütteln? Der Weihnachtsmann, der alte Faulpelz, dachte natürlich zuerst daran, daß man in nassen Betten nicht schlafen kann. Also mußte ich die Betten trockenschütteln – ordentlich kräftig habe ich geschüttelt, das hat eine Menge Wind gemacht, und das Wasser ist nur so herausgespritzt. Ja, und deshalb hat es den ganzen Tag so gestürmt und geregnet, weil ich das Wasser aus den Betten schütteln mußte, und das ganze Wasser ist dann leider auf die Erde geregnet.

Ich hoffe nur, daß die Betten bald wieder so trocken sind, daß ich Schnee herausschütteln kann. Aber ob das bis Weihnachten klappt, kann ich Euch nicht versprechen.

Jedenfalls wißt Ihr jetzt – wenn der Himmel morgens rot wie Wackelpudding ist, dann haben die Rentiere wieder den Topf umgeschmissen, und wenn es ein richtig kräftiges Rot ist, müßt Ihr eine Regenjacke anziehen, denn dann müssen die Rentiere wieder saubermachen und ich muß anschließend die nassen Betten ausschütteln!

Frohe Weihnachten wünscht Euch

Frau Holle

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© Wiebke Salzmann