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Das Hügelgrab

Dieser Kurzkrimi ist erschienen als LeseKarte® bei: Verlag Zita M., Tressow, 2005.

In dicken Flocken schwebt der Schnee vom Himmel, bald werde ich wieder fegen müssen, damit die Polizei mein Haus erreichen kann. Sie müssten bald da sein. Sie haben mich bereits telefonisch unterrichtet, dass sie Hermanns Auto gefunden haben. Schnee fegen macht mir nichts aus, im Gegenteil, ich mache es gern. Und im Moment ganz besonders. Einen regelrechten Wall habe ich gestern Nacht aufgetürmt, den Schnee von der ganzen Auffahrt auf einen etwa zweieinhalb Meter langen Haufen geworfen. „Hügelgrab“ hat der Niemann scherzhaft gesagt, bis ich ihm vom Verschwinden meines Mannes erzählte und er sich erschrocken für seine unbedachten Worte entschuldigte.
Ja, da kommen sie. Ein Streifenwagen biegt in die Straße ein. Ich werfe einen Blick in den Spiegel – ist die Wimperntusche verschmiert? Ich rette mein Aussehen mit etwas Wasser. Dann gehe ich die Treppe hinunter und öffne, bevor die Beamtin in Zivil ihren Finger auf die Klingel legen kann.
„Und? Was wissen Sie?“ Heftig atmend starre ich die Kommissarin an. Mit professioneller Sachlichkeit berichtet sie, dass der Opel meines Mannes am Strand gefunden worden sei. Mein Mann sei offensichtlich bis zur Hälfte der Buhnen in die Ostsee gefahren, dann ausgestiegen und ins Meer gegangen. Ihre Augen mustern mich wachsam, als sie mir ihre Schlussfolgerungen mitteilt. „Wir gehen von Selbstmord aus. – Hatte ihr Mann Schwierigkeiten?“
„Schwierigkeiten? Nicht dass ich wüsste … Selbstmord, sind Sie sich da ganz sicher? Haben Sie – seine Leiche …“
„Nein. Bis Wasserleichen gefunden werden, kann es lange dauern. Manche werden auch nie gefunden. Vor allem … ähm … vielleicht ist es besser, wir kommen morgen wieder. Sind Sie allein? Sollen wir jemanden benachrichtigen?“
„Ja – nein!“ antworte ich, vielleicht etwas zu hastig. „Ich – danke, aber ich komme gut allein zurecht.“
Die Polizistin nickt, dann stutzt sie. Ihr Blick ruht auf etwas schräg hinter mir. „Sie wollen verreisen?“
Ich wende den Kopf. Auf der Kommode im Flur liegt der Umschlag vom Reisebüro. Rasch halte ich mir ein Taschentuch vor das Gesicht und schluchze eine Weile. „Ja – das erste Mal zu Weihnachten! Wissen Sie, schon immer wollte ich das – in den Süden, in die Sonne fahren, statt hier im Schmuddelwetter Weihnachten verbringen zu müssen! Aber immer kam seine Mutter, immer mussten wir hier in der dunklen Stube sitzen, bei fettem Gänsebraten und Rotkohl! Ich hasse Rotkohl!“ Ich hole Luft, um mich zu beruhigen, meine Gefühle drohen mit mir durchzugehen. „Und dieses Jahr hatte er mir versprochen, dass wir endlich einmal in den Süden fahren würden! Pizza statt Gans! Aber nun …“ Wieder verschwinde ich hinter meinem Taschentuch.
„Bitte entschuldigen Sie …“
„Schon gut – wir kommen morgen wieder. So gegen zehn.“
Ich nicke nur und schließe rasch die Tür. Den Umschlag mit dem Ticket stecke ich in die Handtasche. Es ist besser, wenn er nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht.

„Die arme Frau – Selbstmord! Und das so kurz vor Weihnachten!“
„Ja, sie sah schrecklich aus – die roten Augen, als hätte sie die ganze Nacht geweint, nachdem sie die Vermisstenanzeige aufgegeben hatte.“ Hauptkommissarin Kramer wollte zu ihrem Kollegen in den Wagen steigen, hielt aber inne, als sie Schritte hinter sich hörte.
„Geweint? Nee, Schnee geschippt hat sie, die Frau Berger, ununterbrochen. War ja ganz schön laut, aber wir haben gedacht, lass sie man, das lenkt sie wohl ab. Was ist denn mit Herrn Berger?“
Karin Kramer drehte sich zu dem Mann um, der auf einen Besen gestützt vor ihr stand. „Sie sind ein Nachbar? Kennen Sie die beiden gut?“
„Naja“, er schob seine Mütze in den Nacken, „wie man seine Nachbarn halt so kennt. Waren ruhige Leute. Aber wenn Sie so was fragen, ist ihm wohl was passiert? Aber ich weiß schon, das dürfen Sie nicht sagen, stimmt’s? Furchtbar! So kurz vor Weihnachten! Da war immer seine Mutter hier – das war eine Hexe, kann ich Ihnen sagen! Hatte so einen Köter, so einen Kläffer! Ärgert immer unseren armen kleinen Mäxi! Wenn sie übermorgen kommt, werden wir aber – ach, unter diesen Umständen wird sie wohl gar nicht kommen …“
„Sie meinen, die Schwiegermutter wollte dieses Jahr Weihnachten kommen?“
„Jaja – das tut sie jedes Jahr. Hat mir der Berger vor zwei Wochen noch erzählt. Ihr, also der jungen Frau Berger, hat das ja gar nicht gepasst. Aber was soll man da machen – an Weihnachten macht man halt in Familie.“
„Jaja, das macht man wohl so.“ Kommissarin Kramer suchte einen Vorwand, um den redseligen Nachbarn loszuwerden, da fiel ihr Blick auf eine Schalspitze oder etwas anderes gestricktes, das unter einem Wall aus zusammengeschobenem Schnee hervor sah. Sie hockte sich davor. Nein, es war ein Handschuhfinger, der Rest steckte unter einem halben Meter Schnee begraben.
„Oh“, meldete sich der Nachbar wieder zu Wort. „Das ist der Lieblingshandschuh vom Herrn Berger. Den hat er wohl verloren. Naja, wie ich schon sagte, Frau Berger hat heute Nacht Schnee geschippt. Im Dunkeln hat sie den Handschuh wohl übersehen. Sonst hätte sie ihn aufgehoben. Ist sehr ordentlich, die Frau Berger.“

Foto: Schneeberg mit Schneeschaufel vor Gartentor

Vom Fenster aus beobachte ich die Kommissarin und stelle Überlegungen an, wie rasch es ihr wohl gelingen wird, den Niemann loszuwerden. Wenn der ins Reden gerät, stoppt ihn so schnell niemand. Jetzt hockt sie sich vor den Schneewall, das „Hügelgrab“. Was sucht sie da? Ich warte noch eine Stunde, nachdem der Streifenwagen weg ist, dann gehe ich nach unten und ziehe die Gummistiefel an. Um sie gleich wieder auszuziehen. Sie sind innen immer noch klatschnass, kein Wunder, sie sind natürlich voll Wasser gelaufen. Dann müssen es die Gartenschuhe tun. Ich schnappe mir den Besen und fege den Weg entlang, bis ich das „Hügelgrab“ erreiche. Ich recke meine steifen Muskeln – von dem langen Marsch gestern Nacht habe ich heftigen Muskelkater – und mustere dabei den Wall. Himmel! Hermanns Handschuh! Ich gehe in die Hocke und ziehe und zerre, bis ich den Handschuh herunter habe. Dann schaufele ich so rasch ich kann noch dreißig Zentimeter Schnee an den Wall.
Die Kommissarin steht bereits an diesem Abend wieder vor meiner Tür. Diesmal bitte ich sie herein und biete ihr Tee an.
Sie nippt an ihrer Tasse und fragt wie beiläufig: „Sie sagten, ihr Mann und Sie wollten dieses Jahr Weihnachten verreisen?“
„Ja, das sagte ich.“ Was hat der Niemann ihr erzählt? „Es war sehr kurzfristig – es“, jetzt muss ich aufpassen, damit kein falscher Eindruck entsteht, „es ist mir ein bisschen peinlich, aber ich fürchte, ich habe meinem Mann eine richtige Szene gemacht, als er schon wieder seine Mutter einladen wollte, und da hat er mich vor zwei Tagen mit diesen beiden Tickets überrascht … Sie – Sie glauben doch nicht, dass mein Mann über meinen Ausbruch so verzweifelt war – bitte, das kann doch nicht sein, oder?“
„War Ihr Mann denn so labil?“
„Ich – ich weiß nicht, wenn er das Gefühl hatte, zwischen uns zu hängen …“
„Uns?“
„Seiner Mutter und mir …“
„Wie hat denn seine Mutter auf die Nachricht reagiert, dass sie zu Weihnachten nicht eingeladen wird?“
„Ich …“ Rasch drehe ich mich zum Fenster um. Es dämmert bereits. In zwölf Stunden geht das Flugzeug. „Ich weiß nicht. Ich weiß nicht, ob er es ihr überhaupt schon gesagt hat. Aber wenn – dann hat sie auch eine Szene gemacht. Eine fürchterliche Szene. Das kann sie gut, die Hex…“ Im letzten Moment breche ich ab, bevor ich zu viel sage. „Glauben Sie, sie hat ihn in den Tod … nein, nein, das kann ich mir nicht vorstellen!“
„Oh, ich glaube gar nichts.“ Frau Kramer erhebt sich. „Aber ich brauche einen Grund für den Selbstmord Ihres Mannes. Ja, auch bei Selbstmord brauche ich ein Motiv. Können Sie mir die Adresse Ihrer Schwiegermutter geben?“

„Nur ein Ticket? Danke. Auf Wiederhören.“
Karin Kramer legte den Hörer nachdenklich auf. Sie hatte das Reisebüro angerufen, dessen Logo auf dem Umschlag auf der Bergerschen Kommode geprangt hatte. Nicht Herr Berger hatte die Tickets gekauft, um seine Frau damit zu überraschen, sondern sie selbst hatte es getan. Nun das konnte noch daran liegen, dass die Überraschung nur im Versprechen der Reise lag, Frau Berger aber die Organisation übernommen hatte. Aber sie hatte nur ein Ticket gekauft. Ein Ticket für ein Flugzeug, das – Kommissarin Kramer sah auf die Uhr – seit zwei Stunden in der Luft war.
Würde eine Frau, die gerade Witwe geworden war, eine Urlaubsreise antreten?
„Warum nicht? In Trauer tun Menschen die seltsamsten Dinge.“
Erst als die Kollegin antwortete, merkte Karin Kramer, dass sie laut gedacht hatte. Sie nahm den Hörer wieder auf und wählte die Nummer der Bergers. Es klingelte endlos, niemand nahm ab.

Ich lasse mich auf das Bett fallen, döse etwas, obwohl heller Vormittag ist. Vor dem Fenster tropft es, Tauwetter hat eingesetzt. Von draußen dringt der Straßenlärm gedämpft in das Hotelzimmer. Ich seufze. Berliner Straßenlärm. Der Flug ist ausgefallen, ich bin gezwungen, einen Tag länger in diesem grauen Land zu bleiben. Zurück an die Ostseeküste zu fahren, hätte sich nicht gelohnt, also habe ich mir ein Hotel gesucht. Außerdem will ich nicht zurück. Nie wieder. Es ist vorbei, endlich vorbei. Es war in dem Moment vorbei, als die Flasche auf Hermanns Kopf niederging. Ich hatte es nicht geplant, das nicht. Aber als er erzählte, dass er seine Mutter wieder eingeladen hatte, obwohl er mir im Sommer hoch und heilig versprochen hatte, wir würden dieses Jahr nach Australien fliegen …
Geplant habe ich erst später, als ich das Auto in die Ostsee fuhr, durch das Wasser zurück an den Strand watete, den langen Rückweg durch die Rostocker Heide zu Fuß bewältigte – zum Glück hatte ich an trockene Schuhe und den Rucksack für die nassen Gummistiefel gedacht. Dass die Kramer nun auch seine Mutter als mögliche Ursache für Hermanns Selbstmord betrachtet, das habe ich nicht geplant. Aber die Wendung gefällt mir.
Es hatte die ganze Nacht geschneit, Spuren von meinem Marsch waren keine geblieben – und nach Spuren von Hermann hat niemand gesucht. Die hätte das Meer auch längst vernichtet. Wenn er denn aus dem Auto ausgestiegen wäre. Aber er ist noch nicht einmal eingestiegen.
Herrmann liegt wohlverwahrt im Hügelgrab. Irgendwie gefällt mir der Ausdruck. Das Tauwasser rinnt jetzt in Strömen vor dem Fenster herab. Die Temperatur muss inzwischen deutlich über Null liegen.

Kommissarin Kramer stand auf und trat ans Fenster. Sie starrte auf die Straße, ohne etwas zu sehen. Es war wärmer geworden, Tauwasser rann an Wänden und Bäumen herab. Dann wandte sie sich wieder ihrem Schreibtisch zu und suchte die Nummer der Fluggesellschaft. Am Nachmittag würde sie noch einmal zum Haus der Bergers fahren.

© Wiebke Salzmann, 2005

Foto der Lesekarte

Dieser Kurzkrimi ist erschienen als LeseKarte® bei: Verlag Zita M., Tressow, 2005.

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