• Wiebke Salzmann

    freie Lektorin und Autorin

  • Text-Wirkerei

  • Wirken an Texten – Wirken von Texten

Geisterjäger

„Geht ja schon schneller als mit Leibeigenen.“ Rüdiger betrachtete die Silhouetten der Baukräne, die neben dem Rohbau aufragten. Jetzt, zu nachtschlafener Zeit, war die Baustelle verlassen. Nur das Rascheln des Schilfs war zu hören, ein Reiher krächzte empört, irgendetwas hatte ihn aus dem Schlaf gerissen.
„Völlig out, Leibeigene, heutzutage.“ Rudolf zeigte auf eine Chipstüte im Weidengebüsch, das sich am Rande des Moores erstreckte. „Aber macht nix. Die Erfindung von dem Zeug hier macht das wett. Die hab ich für nachher besorgt. Und für dich dieses süße braune Zeug.“ Rudolf verzog das Gesicht. „Also Schokolade hätten sie nicht unbedingt erfinden müssen.“
Rüdiger seufzte. „Aber findest du nicht auch manchmal, dass die Sprache allzu nachlässig ...“
„Nö, ich find’s cool. Mit dem gestelzten Kram von früher kannste heut nich mehr landen. Auch unsereins muss mit der Zeit gehen, is so.“
Unwillkürlich fuhr Rüdigers Hand zum Schwertgriff, als es hinter ihnen knackte. Rudolf kicherte bloß. „Kannst es nich lassen, wie? Vergiss es, die können uns nich sehn. Is noch nich Mitternacht. Leider.“ Sehnsüchtig starrte er auf die Chipstüte.
Rüdiger entspannte sich wieder, versuchte aber, durch die Büsche zu erkennen, was da los war. „Du, da sind zwei. Mit Mantel und Aktenkoffer. Was macht man mit Aktenkoffer nachts auf einer Baustelle?“
„Hm? Wenn ich nich wüsste, dass du im Moor keinen Fernseher hast, würde ich sagen, du hast zu viele Krimis gesehen. Bei nächtlichen Aktenkoffergeschichten geht es um Drogen oder Schmiergeld.“ Rudolf bequemte sich nun doch schweren Herzens, die Chipstüte aus den Augen zu lassen und sich nach den Geschehnissen hinter ihm umzudrehen. „Den einen hab ich schon mal gesehn. Keine Ahnung, wo.“
Die Männer begannen zu sprechen. „Hier – die letzte Rate. Wie besprochen. Zählen Sie es nach.“ Irgendetwas wechselte den Besitzer. Es raschelte leise, wie von Papier. „In Ordnung. Es stimmt.“
„Natürlich stimmt es. Wie sind Sie eigentlich da rein gekommen? Angeblich ist doch das neue Sicherheitssystem absolut sicher.“
„Oh, Dienstgeheimnis, Sie verstehen?“
Der andere nickte. „Na, dann danke ich für die hervorragende Zusammenarbeit.“
„Keine Ursache. Jederzeit wieder, jederzeit wieder.“
Der Angesprochene nickte wieder und entfernte sich, der andere verschwand in die entgegengesetzte Richtung. Rudolf sprang auf. „Von wegen Dienstgeheimnis! Jetzt weiß ich, wo ich den schon gesehen habe! Im Bauamt – das war der, der ... verdammt, der hat gar nix gemacht! Weil er nämlich das System tatsächlich nich knacken konnte! Ich bin dahin marschiert und habe alles erledigt!“ Finster starrte Rudolf dahin, wo der Mann verschwunden war. Rüdiger zuckte die Schultern. „Ist doch egal. Immerhin hat er dich auf die Idee gebracht. Und ist doch alles wunderbar gel...“
Ein Schrei gellte durch die Nacht, brach plötzlich ab. Rüdiger sprang auf, zog gleichzeitig sein Schwert. „Eine Jungfrau in Not! Ich eile ihr zur Hilfe!“ Er klappte das Visier herunter. Jetzt war es Rudolf, der die Schultern zuckte. „Es is immer noch nich Mitternacht. Außerdem issie schon tot. So wie das klang. Wir könnten auf sie warten. Vielleicht issie nett. Was’n das?“ Beide lauschten auf die Schleifgeräusche, die sich hinter ihnen näherten und wieder verklangen. Lautlos – alles andere wäre ihnen auch schwer gefallen – folgten sie den Geräuschen. „Du, das is der Bauheini – was schleift’n der da?“
„Die tote Jungfrau! Er schändet ihre Leiche!“ Rüdigers Schwert fuhr schon wieder aus der Scheide.
„Quatsch, er beseitigt die Leiche. Was würdest du denn mit einer machen, die du ermordet hättest?“
„Ich bin Ritter! Ich ermorde keine Jungfrauen, ich rette sie!“
„Aber nich vor Mitternacht. Guck mal, er schleppt sie ins Haus.“
Etliche Minuten später beobachteten die beiden, wie ein lebloser Körper aus dem vierten Stock stürzte.
„Du, da issie!“ Rudolf nahm den Helm ab, rieb das Metall blank und versuchte, den Sitz seiner Haare zu überprüfen. Rüdiger steckte sein Schwert wieder weg. Einer Dame – auch einer toten – begegnete man nicht mit der Waffe in der Hand. „Ist es nicht niedlich, wie verwirrt sie in den ersten Momenten immer sind?“
„Die ist auch sonst ganz niedlich. Wir sollten uns ihr vorstellen.“

„Hier, das ist Ihr Platz. Das Passwort für Mailbox und Datenbank kriegen Sie beim Schröder aus der EDV. Die Pläne werden nach und nach alle digitalisiert. Aber Akten haben wir natürlich immer noch haufenweise.“ Frau Becker wies auf die meterlangen Regale hinter Anjas Schreibtisch. „Sie übernehmen die Buchstaben K bis P. Hier hat ihre Vorgängerin die Sachen abgelegt, an denen sie gerade arbeitete. Das meiste ist natürlich inzwischen längst erledigt, nur einige weniger wichtige Sachen liegen hier noch. Die Stelle war ja ein halbes Jahr gesperrt. Einsparmaßnahmen, Sie verstehen. Und mit weniger Mitarbeitern kommen wir einfach nicht hinterher, Unwichtiges bleibt da halt liegen. Ich fürchte, einige Bauherren wurden damals ziemlich ungeduldig, der tragische Unglücksfall hat die Bearbeitungszeit einiger Anträge doch reichlich verlängert. Obwohl das Ganze ja in den Medien breit ausgewalzt wurde. Aber wen interessiert der Selbstmord einer Sachbearbeiterin, wenn er auf eine Baugenehmigung wartet. Es ist wohl am besten, wenn Sie diese Reste Ihrer Vorgängerin zum Einarbeiten erst mal fertig machen. Wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich jederzeit an mich. Ohje, es ist schon fünf nach halb zehn, die Frühstückspause hat schon angefangen! Kommen Sie, damit ich Sie den anderen vorstellen kann.“
Im letzten Moment fiel Anja der Kuchen ein, den sie für diesen Anlass extra gebacken hatte. Sie griff rasch nach der Form und folgte Frau Becker den Flur hinunter.
„Selbstmord? Sie meinen, meine Vorgängerin hat sich das Leben genommen? Warum?“
Frau Becker schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Über Privates haben wir nicht gesprochen. Sie war in der Zeit davor aber sehr verändert, irgendwie nervös. Hat viele Überstunden gemacht. Ist nie vor mir gegangen. Am Anfang gehörte sie immer zu den ersten, die gingen. Ist allerdings auch früh gekommen. Ja, haben Sie denn die Geschichte nicht in den Zeitungen verfolgt?“
Anja konnte nur noch antworten, dass davon im fernen Hannover nichts bekannt war, dann musste sie Hände schütteln und Kuchen verteilen.

Anja ließ die Tür hinter sich ins Schloss, die Tasche auf den Boden und sich selbst in ihren Sessel fallen. Eigentlich war es prima gelaufen, die neuen Kollegen schienen nett zu sein, selbst der Bauamtsleiter sollte ein sehr angenehmer Chef sein, nachdem, was sie so gehört hatte. Trotzdem war sie ziemlich erledigt, der Kopf schwirrte ihr von den vielen neuen Gesichtern, Informationen und Eindrücken. Nachdem sie eine Weile aus dem Fenster gestarrt hatte, erklärte ihr Hirn sich langsam bereit, die Aussicht wahrzunehmen. Die wunderbare Aussicht über das Moor. Das Haus lag direkt am Stadtrand an der Grenze zum Naturschutzgebiet. Einen Moment hatte Anja sogar geglaubt, es läge im Naturschutzgebiet, aber der Makler hatte ihr die Karte nur kurz gezeigt und sie weggezogen, bevor sie genauer hatte hinsehen können. Wegen der Aussicht hatte sie die Wohnung überhaupt nur genommen, eigentlich hatte sie ins Erdgeschoss ziehen wollen. (Und eigentlich auch in ein weniger luxuriöses Objekt ...) Aber der Blick aus dem vierten Stock über die unberührte Moorlandschaft hatte sie den Vertrag ohne weiteres Überlegen unterschreiben lassen. Worüber der Makler sehr erleichtert war, er meinte die Wohnungen im Vierten gingen nicht so gut. Obwohl die eigentlich die größten Mieteinnahmen hätten bringen sollen. Die Leute hätten wohl Angst, der Fahrstuhl könne kaputt gehen.
Anja raffte sich auf, ging in die Küche, stellte die Pizza vom Bäcker zum Aufwärmen in die Mikrowelle und öffnete den Kühlschrank. Und erlebte die erste echte Enttäuschung heute. Sie hätte schwören können, dass da noch welche von den belgischen Pralinen waren. Aber außer Eiern, einigen Joghurtbechern und einer angebrochenen Goudapackung war da nichts. Die Mikrowelle piepte. Na schön, dann würde sie nach der Pizza noch einen Spaziergang zum Kiosk machen. Nach so einem aufregenden Tag braucht der Mensch Schokolade.

Anja zählte die Schläge der Turmuhr. Drei Uhr morgens. Es war noch stockdunkel. Sie drehte sich im Bett um und versuchte, wieder einzuschlafen. Vergeblich, sie war hellwach. Und irgendein schlafloser Nachbar unterhielt die umliegenden Anwohner mit seinem Fernseher. Seufzend schlug sie die Decke zurück und schlurfte zur Tür. Hoffentlich fand sie die Ohrstöpsel, sie hatte noch lange nicht alle Umzugskisten ausgepackt. Als sie die Schlafzimmertür öffnete, erstarrte sie. Unter der Stubentür hindurch schien Licht. Und es war nicht der Fernseher eines Nachbarn, es war ihr eigener. Aber sie hatte am Abend nicht ferngesehen, sie hatte sich mit der Hälfte der Schokolade und einem Buch ins Bett verkrochen. Sie schlich in den Flur, verharrte mit angehaltenem Atem. Ihr Blick flog durch den dunklen Raum und blieb an den Weinflaschen hängen, die auf den Transport zum Altglascontainer warteten. Rasch griff sie eine und schob die Tür zur Stube langsam einen Spalt weit auf.
Auf ihrem Sofa saß ein Ritter, Helm und Schwert neben sich, die andere Hälfte der Pralinen vor sich und sah fern.
Ein Irrer. Ein Irrer, der nachts in Wohnungen eindrang und Pornos sah, um sich in Stimmung zu bringen. Wozu, konnte man sich ja denken. Anja warf die Tür auf, schoss ins Zimmer und schlug dem Ritter die Flasche auf den Kopf. Der sah überrascht auf, erhob sich dann hastig und vollführte eine formvollendete Verbeugung. „Endlich gewährt Ihr mir die Ehre Eurer Gegenwart, edle Frouwe ...“ Stirnrunzelnd richtete er sich auf, fuhr sich über das Kinn. „Gnädiges Fräulein? Mist, Rudolf hätte gewusst, was man in so einer Situation sagt. Aber der musste ja unbedingt seine Hochzeitsreise machen. Wie belieben Damen in dieser Zeit angeredet zu werden?“
Anja starrte die Gestalt an, die ehrlich an einer Antwort interessiert zu sein schien. War sie so schwach, dass der Schlag auf den Kopf völlig wirkungslos geblieben war? Dann bemerkte sie das Blut, das den Waffenrock von oben bis unten bedeckte, ließ die Flasche fallen, schlug die Hände vor das Gesicht und starrte den Ritter an. War das von ihrem Schlag? Nein, der Kopf war unversehrt. Der Ritter versuchte ein Lächeln, begann dann, seine Hände zu kneten, ließ sie wieder sinken, räusperte sich, sah sich im Zimmer um, sah wieder Anja an, die nach wie vor auf seine blutverschmierte Brust starrte. Hatte dieser Irre jemanden umgebracht? Mit seinem ... Beim Anblick des blutverkrusteten Schwertes wich Anja schreiend rückwärts zur Tür zurück, dummerweise so ungeschickt, dass sie die Tür dabei zudrückte. Sie presste sich an das Türblatt und beobachtete, wie der Ritter die Stirn runzelte und dann eine neuerliche Verbeugung machte. Im Fernseher erklangen Revolverschüsse und Hufgetrappel, dann pfiff jemand eine Melodie. Ein Western? Kein Porno? Der Irre stand auf Western?
„Edle Dame, ich verstehe Euren Zorn, vernichtete ich doch bereits zum zweiten Mal Eure Vorräte an diesen herrlich mundenden ...“ Er hob die Pralinenschachtel auf und sah bedauernd hinein. „Aber ich werde dafür tun, was ich kann. Ich werde Lieder für Euch dichten, Euch dienen, Eure Feinde vernichten, Euch vor Drachen retten – gibt es heute noch Drachen? Und Minnesänger? Oder ist das auch out?“
Lieder dichten. Minnesänger. Was faselte der Irre da bloß? Dann fiel Anja etwas auf. „Zum zweiten Mal? Du warst schon mal hier drin?“ schrie sie ihn an. Die Tür war unversehrt gewesen. „Woher hast du den Schlüssel?“
„Schlüssel? Oh, den brauche ich nicht. Bis so etwa zwei Uhr komme ich auch durch Wände durch.“
Durch Wände. Der Irre war ja noch irrer, als sie gedacht hatte. „Was willst du? Woher kommt das ganze Blut?“
Der Irre sah an sich herunter. „Ach das. Keine Sorge, Euer edler Teppich wird nicht davon beschmutzt. Es tropft schon lange nicht mehr. Eine alte Kriegsverletzung. Meine letzte, ich bin leider daran gestorben. Seht Ihr, die Lanze ging einmal durch.“ Der Ritter drehte sich und zeigte Anja das Loch auf seinem Rücken, wo die Lanze wieder herausgekommen war.
„Dein Blut? Das ist alles dein ...“
„Ja, ist es. Verdammt, Rüdiger, ich hab dir schon so oft gesagt, dass du jungen Frauen nich mit diesem Kriegs- und Kampfkram kommen darfst. Das interessiert die nich, so landest du bei keiner.“
Anja begriff endlich, was hier passierte. Sie träumte. Das war alles ein völlig verrückter Traum. Nur in Träumen steckten durchsichtige Ritter in Wänden und sahen nur bis zu den Schultern heraus. Der blutüberströmte Ritter sah den in der Wand steckenden irritiert an. „Wie machst du das, Rudolf? Es ist schon vier Uhr.“
„Wie? Ach das. Jetlag. War’n ein paar herrliche Monate mit Mandy auf ...“
Anja machte die Erfahrung, dass man offenbar auch in Träumen ohnmächtig werden konnte.

„Und das geben Sie hier ein ... ähm, haben Sie zugehört?“
Anja sah Frau Becker ertappt an. „Oh, Entschuldigung. Ich habe heute Nacht einen fürchterlichen Traum gehabt. Ich stehe noch etwas neben mir. Was haben Sie gesagt?“
Frau Becker sah sie über ihre Brille hinweg an und nickte. „Das kann ich mir vorstellen, dass Sie in dem Haus Alpträume bekommen. Dort hat sie es getan.“
„Getan?“
„Mandy Krüger. Ihre Vorgängerin. Dort hat sie sich in den Tod gestürzt, aus dem vierten Stock. In welchem wohnen Sie?“
„Im vierten ...“
Frau Becker nickte wieder, äußerst bedeutungsvoll. Dann sah sie sich nach der Tür um und beugte sich vor. „Und man munkelte zunächst, es sei kein Selbstmord gewesen. Es hat da Merkwürdigkeiten bei den Verletzungen gegeben. Die Todesursache nicht eindeutig feststellbar, Sie verstehen. Aber dann stellte man fest, dass sie kürzlich von ihrem Freund verlassen worden war. Und hakte das Ganze dann doch als Selbstmord ab. Aber wenn Sie mich fragen – in dem Haus geht nicht alles mit rechten Dingen zu. Wieso ziehen aus dem vierten Stock immer gleich alle wieder aus? Gespenstisch, sage ich Ihnen!“
Anja dachte an die leere Weinflasche, die nach ihrem Alptraum nicht im Flur beim Altglas, sondern hinter der Stubentür gelegen hatte. Dann holte sie Luft. Unsinn. Für all das gab es eine harmlose Erklärung. In einem Haus im 21. Jahrhundert spukte es nicht. Und der Selbstmord war schließlich in dem Rohbau passiert. Warum sollte sie dort herumgeklettert sein, wenn nicht, um sich umzubringen? Und die Gestalten in ihrem Traum waren eindeutig keine Geister von Sachbearbeiterinnen des Bauamtes gewesen.
„Na, hier aber auch“, rutschte es Anja heraus, als sie eine weitere Akte ihrer Vorgängerin durchging.
„Hm?“ Frau Becker sah sie von ihrer Seite des Schreibtisches aus an.
„Oh, nichts. Ich meinte nur, dass es hier offenbar auch recht gespenstisch zugeht. Sehen Sie mal – dieser Bauantrag hier ...“ Anja reichte eine Akte hinüber. „Das Haus liegt doch mitten im Moor. Im Naturschutzgebiet. Das kann doch so nicht gebaut werden! Der Antrag wird abgelehnt.“
Frau Becker klappte den Ordner zu und sah auf den Rücken. „Zweitausendfünf. Der Vorgang ist zwei Jahre alt. Was hat Mandy denn jetzt noch damit gemacht?“ Sie reichte Anja den Ordner zurück.
„Zwei Jahre? Tatsächlich. Und ...“ Anja verstummte und blätterte schweigend eine Weile. Schließlich sah sie die Kollegin an. „Das Haus ist gebaut. Das ist das Haus, in dem ich wohne. Wie konnte es dafür eine Genehmigung geben? Das ist doch unglaublich! Das muss der Warnke erfahren! Da hat jemand Bockmist gebaut, und zwar ordentlich!“
„Nun regen Sie sich doch nicht gleich so auf – sehen Sie lieber erst mal nach, wer den Bauantrag gestellt hat! Der Amtsleiter ist heute sowieso nicht im Haus.“
Anja stoppte kurz vor der Tür und drehte sich um. „Stimmt, er musste ja zu dieser Konferenz ... wer den Antrag gestellt ... ein Erwin Hofmann. Ja, und?“
„Und? Erwin Hofmann von Hofmann und Partner. Anwaltskanzlei. Das ist ein guter Bekannter vom Warnke. Und, meine Liebe, nicht ganz unwichtig hier im Ort. Da hängen Sie sich lieber nicht rein. Der ist zu groß für Sie. Außerdem was soll’s – wenn das Haus ohnehin schon steht ...“
„Bleibt es immer noch eine Rechtswidrigkeit! Und nur weil der ein paar Euro mehr verdient als ich, lasse ich den doch nicht so davonkommen, Anwalt oder nicht!“

Vor lauter Ärger hatte Anja ihren Traum völlig vergessen. Erst als sie die Wohnungstür aufschloss, fiel ihr alles wieder ein. Sie drückte die Tür zu und ließ den Schlüssel stecken. Dann konnte man von außen nicht schließen. Sie leerte eine halbe Flasche Wein, konnte aber trotzdem kein Auge zutun, während die Turmuhr eine Stunde nach der anderen schlug. Kurz nach Mitternacht steckte jemand den Kopf durch die Schlafzimmertür. Durch das geschlossene Türblatt. Der Ritter. Der mit dem blutigen Waffenrock.
„Oh, verzeiht, edle Jungfrau. Ich wollte nur nachsehen, ob Ihr schlaft. Ich habe mich gestern nicht vorgestellt, ein unverzeihlicher Faux-pas. Ich bin Rüdiger von Dankwarderode und Groß-Brunsrode.“
Anja hatte die Decke bis unter die Augen hochgezogen und starrte den in der Tür steckenden Besucher darüber hinweg an. „Groß-Brunsrode.“
„Ja, edle Jungfrau. Klein-Brunsrode hat mein Bruder Rudolf bekommen. Genau genommen hat er Dankwarderode und Groß-Brunsrode natürlich auch bekommen. Nach meinem Tod. Er wurde erst drei Jahre nach mir erschlagen. Welch glückliches Geschick, dass wir uns trotzdem fanden.“
„Rudolf. Klein-Brunsrode. Ja.“
„Aber Ihr habt ihn doch gestern Nacht kennengelernt ...“
„Der in der Wand war Rudolf? Was macht dein Bruder in einer Wand? Wieso steckst du in einer Tür?“
„Gut, dass Ihr mich erinnert – ich sollte aus der Tür heraus, bevor es noch später wird. Gestattet Ihr mir das Betreten Eurer Kemenate?“
Dieser Traum war ja noch irrer als der letzte. „Aber ja, bitte, komm – äh, kommt herein.“
Der Ritter kam hereingeschwebt und blieb blass und durchsichtig vor Anjas Bett hängen. Anja ließ die Decke versuchsweise bis zum Hals sinken. „Ist alles in Ordnung mit Euch? Ihr blutet immer noch. Braucht Ihr nicht doch einen Arzt? Und Eure Konstitution scheint mir heute etwas schemenhaft ...“
„Nein, ich danke Euch für Euer großherziges Angebot, aber es kommt etwa acht Jahrhunderte zu spät. Rudolf versorgt mich mit Zeitungen, daher weiß ich um die große Kunstfertigkeit der heutigen Wundärzte. Aber ich muss wohl tot bleiben.“
„Oh, das tut mir leid.“
„Ach, das macht nichts. Es ist gar nicht so übel, als Gespenst. Das Schemenhafte verliert sich innerhalb der nächsten Stunde, dann kann ich Euch auch meine Gabe überbringen, die ich durch meinen Bruder habe besorgen lassen. Wollt Ihr mir die Ehre erweisen, mir Euren Namen zu sagen?“
„Anja. Anja Bergmann. Aber Anja reicht. Sag mal, wie kannst du mir eine Gabe überreichen, ich meine, wie kannst du Dinge anfassen, wenn du gleichzeitig durch Wände gehen kannst? Das passt doch nicht zusammen.“
Rüdiger strahlte sie an und verbeugte sich. „Edle Dame Anja, Ihr seid nicht nur von außerordentlichem Liebreiz, sondern auch von großer Klugheit! Wenige sind so weise! Seit Jahrhunderten schütteln wir die Köpfe über Geschichten, in denen durch Wände schwebende Poltergeister auftreten! Ihr habt in der Tat Recht – das geht nicht! Es ist so, dass wir die meiste Zeit des Tages völlig unsichtbar sind. Nach Mitternacht gewinnen wir Gestalt, zunächst so, so ...“ Er zögerte und sah an sich herab.
„Gespenstisch?“ schlug Anja vor.
„Genau. Gespenstisch. Viele von uns nutzen diese Zeit, um zu spuken und Leute zu erschrecken. Ich muss um Nachsicht bitten für diese Kollegen, manche langweilen sich einfach nach so vielen Jahrhunderten. Ab etwa ein Uhr sehen wir fast normal aus, können Dinge anfassen, essen und trinken – aber eben auch nicht mehr durch Wände gehen. Dieser Zustand dauert bis eine Stunde vor Sonnenaufgang. Dann werden wir wieder substanzlos und verschwinden.“
„Aha. Das wusste ich noch nicht. Also gibt es Poltergeister nicht in der Geisterstunde, sondern erst danach?“
„Genau. Eure Klugheit ist ohnegleichen! Lasst mich nun meine Gabe holen. Mitbringsel sagt man wohl heute.“
Rüdiger ging durch die Tür (indem er sie zunächst öffnete) und kam mit einer Schachtel Pralinen wieder. „Ich hoffe, es mundet Euch.“
„Oh ja, meine Lieblingssorte. Wollt Ihr – willst du – hör mal, dieses ‚Ihr‘ und ‚Euch‘ ...“
„Ist out, ich weiß. Rudolf kann das besser. Aber ich habe seit dreihundert Jahren mit keinem Menschen mehr gesprochen. Natürlich lese ich regelmäßig Zeitung, aber es bleibt immer alles ein wenig theoretisch.“
„Seit dreihundert Jahren?“
„Ja, da verirrte sich eine Jungfrau im Moor. Ich führte sie wieder hinaus, sah sie aber nie wieder. Ich fürchte, sie hielt mich für einen Traum.“
Anja nickte. Das konnte sie nachvollziehen. Wenn sie Rüdiger für etwas anderes halten würde, müsste sie laut schreien. „Aber warum hast du denn nie herumgespukt zur Kontaktaufnahme? So wie jetzt hier bei mir?“
Rüdiger seufzte abgrundtief. „Ich konnte nicht. Ein Fluch hält mich hier fest, hier, wo die Burg unserer Vorfahren stand. Die ersten Jahrhunderte war das ganz lustig, aber dann wurde die Burg geschleift von Feindeshand, das Moor entstand und niemand wagte sich mehr hierher. Erst als jetzt dieses schöne neue Haus gebaut wurde – wisst Ihr, äh, weißt du, dass hier der Hof meiner Amme stand? – habe ich wieder Menschen, die ich auch erreichen kann. Bislang hatte ich aber den Eindruck, man legt keinen großen Wert auf meine nächtliche Gesellschaft. Jedes Mal, wenn ich kam, wohnte jemand anderes in der Wohnung. Seid – sei ehrlich zu mir – bin ich kein stattlicher Ritter mehr? Hat mein Aussehen gelitten? Ist mein Benehmen nicht mehr geziemend?“
„Naja, ich denke ...“ Anja setzte sich auf und betrachtete Rüdiger, der jetzt in ihrem Sessel vor dem Bett saß, von oben bis unten. „Doch, du bist stattlich. Außerordentlich stattlich sogar. Das Blut stört vielleicht einige. Heute legt man viel Wert auf Hygiene und Keimfreiheit. Dein Benehmen ist für heutige Zeiten vielleicht ein bisschen zu geziemend. Deine Sprache ist ja meist ganz o.k., aber ein bisschen lockerer musst du noch werden. Aber die Menschen haben heute viel um die Ohren und brauchen ihren Schlaf. Vielleicht reagieren sie deshalb so abweisend.“
Rüdiger nickte verstehend. „Das ist schade. Weil ich ja nur nachts zu sehen bin. Ja, und das Blut kommt immer wieder, wenn ich es abwasche. Deshalb lasse ich es inzwischen. Weil ich ja so gestorben bin. Ich bin nur froh, dass der Kerl die Lanze wieder rausgezogen hat. Das wäre sonst sehr unpraktisch.“
„Ja, das wäre es wirklich. Aber sag mal, dein Bruder war doch auf einer Hochzeitsreise ...“
„Oh ja, Rudolf wurde nicht verflucht. Er kann gehen, wohin er will. Die meisten von uns können das. Nach den StarTrek-Filmen setzte ein ziemlicher Boom in Weltraumreisen ein. Deshalb sieht man zur Zeit auf der Erde so selten Gespenster.“
„Also vor achthundert Jahren hast du gelebt? Erzähl mal! Praline? Oder ein Glas Wein?“
Rüdigers Augen weiteten sich entzückt. „Wein! Ihr seid – du bist zu gütig!“
„Siehst du, das meine ich. Ein einfaches ‚danke, gern‘ reicht heutzutage.“
Aus dem Glas wurde eine Flasche und Anja bekam einen Überblick über das Mittelalter, bei dem sie zwar keine Jahreszahlen, aber eine Menge über Viehhaltung, Gesindeführung und höfisches Benehmen lernte.
„Kann es sein, dass du langsam wieder durchsichtig wirst? Oder bin ich schon so beschwipst? Kann man dich nicht auch erlösen? In Geschichten können Gespenster immer erlöst werden. Von dem Fluch, meine ich.“
Rüdiger seufzte und setzte rasch das Glas ab. „Ja, in einer Stunde wird es hell, dann bin ich nicht mehr zu sehen. Erlösen. Ja, es gibt einen Weg, aber der ist undurchführbar. Eine edle Frouwe müsste aus Liebe zu mir freiwillig aus dem Leben scheiden. Aber ich bin ein Ritter – ein solches Opfer nehme ich von keiner Dame an!“

Am nächsten Morgen, nach nur zwei Stunden Schlaf, räumte Anja die leere Flasche und die Gläser weg und zwang sich, über diese doch recht realen Spuren ihres Traumes nicht weiter nachzudenken. Nur als sie Rüdigers Glas ins Abwaschbecken stellte, hielt sie es einen Moment versonnen vor die Augen. Ein nettes Gespenst. Eigentlich schade, dass er ein Gespenst, wahrscheinlich sogar nur ein Traum war.
Aber je näher der Dienstbeginn rückte, desto mehr geriet Rüdiger in Vergessenheit. Denn ihr Vorhaben, mit der Akte zum Bauamtsleiter Warnke zu gehen, machte sie doch reichlich nervös. So bekam sie auch kaum etwas von den Gesprächen in der Frühstückspause mit, in denen sich alles um die bevorstehende Betriebsfeier drehte. Es sollte eine Grillfeier werden, man hatte den Grillplatz am Eingang des Naturschutzgebietes gemietet. Als sie hörte, dass auch die Ehe- und sonstigen Partner mitgebracht werden sollten, verlor sie endgültig das Interesse. Als Single unter lauter Paaren – das konnte ja heiter werden. Aber als Neuling konnte sie schlecht bei der Feier fehlen. Sie hatte auch sonst noch niemanden kennengelernt, den sie vielleicht mitbringen könnte. Und Rüdiger konnte sie ja auch schlecht fragen. Der war ja erst ab Mitternacht zu sehen. Sie kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf, um ihren Gedanken zu sortieren. Rüdiger war gar nicht zu sehen, weil es ihn überhaupt nicht gab. Aber stattlich war er schon. Und wirklich ausgesprochen nett.
Seufzend schob sie ihre Träume von stattlichen Rittersleuten beiseite, griff den Ordner und ging zum Büro des Bauamtsleiters.

„Nun, ja, da scheint in der Tat etwas schiefgelaufen zu sein. Obwohl, sehen Sie, die Genehmigung vom StAUN liegt vor ... außerdem, das ist ja nun schon abgeschlossen, das Haus steht, was sollen wir da jetzt noch machen? Das Haus abreißen?“ Warnke lachte.
Anja sah nicht, was da witzig sein sollte. „Ja, eigentlich müsste man das Haus abreißen. Jede kleine Garage muss abgerissen werden, wenn sie ohne Genehmigung gebaut wurde.“ Unvermittelt schob sich das Bild des unter mooriger Einsamkeit leidenden Rüdigers vor ihre Augen.
„Nun, Frau Bergmann, es hat ja aber eine Genehmigung gegeben. Welcher Trottel auch immer die unterschrieben hat. Und außerdem – es wohnen Leute in diesem Haus. Wollen Sie denen das Dach über dem Kopf nehmen? Was glauben Sie, was uns das an Klagen einbringt! Wohnen Sie nicht auch dort?“
„Ob ich da wohne, spielt genauso wenig eine Rolle wie alles andere.“ Ja, welcher Trottel hatte denn eigentlich die Genehmigung erteilt? Anja blätterte durch den Ordner. „Mindestens mal muss der Trottel bestraft werden! Und wer beim StAUN das unterschrieben hat, frage ich dort nach!“
Dann hatte sie den Namen des Trottels gefunden. Sie bemühte sich, ihrem Chef trotzdem sicher in die Augen zu sehen.
Warnke lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück und legte die Fingerspitzen zusammen. „Liebe Frau Bergmann, bevor Sie jetzt voreilig handeln und auch andernorts die Pferde scheu machen, lassen Sie mich erwähnen, dass Ihre Vorgängerin auch hier stand. Mit demselben Anliegen. Sie weilt nicht mehr unter uns, wie Sie sicher wissen.“
„Und was genau wollen Sie damit sagen?“ Die Wut wallte in Anja auf, sie trat zwei Schritt auf den Schreibtisch des Amtsleiters zu.
„Das zu interpretieren überlasse ich Ihnen. Aber Sie sollten sich dabei keinen Fehler erlauben.“

Anja schlug die Zeitung auf, überflog die Seite, merkte, dass sie nichts wirklich aufgenommen hatte, schlug die Zeitung wieder zu, stand auf, um Blumen zu gießen, vergaß aber nach den Blumen im Schlafzimmer die in der Stube, stopfte die 60°-Wäsche in die Maschine, stellte das 30°-Programm ein, warf die Pizza in den Müll und legte die Verpackung in die Mikrowelle. Endlich, Punkt Mitternacht, erschien Rüdiger. Er legte den Helm über den Küchentisch, wo er vor sich hin schwebte und schwebte selbst über einem Küchenstuhl. „Dame Anja, welch Unhold lässt dich so neben dir stehen? Lass mich ihn für dich erschlagen!“
Diese gekonnte Mischung aus normaler Sprache und gestelztem Mittelalterslang endlich zu hören, ließ Anja vor Erleichterung lachen. Sie holte Wein und Pralinen und setzte sich dem schwebenden Rüdiger gegenüber. „Bin ich froh, dass du da bist, ich muss dringend mit jemandem reden.“ Hastig erzählte sie von der Akte und dem Gespräch mit Warnke. Dann ließ sie sich zurückfallen. „Sag mir jetzt bitte, dass ich bloß paranoid bin. Ich meine, der wollte mir doch nicht wirklich drohen, mich umzubringen? Er hat Mandy doch gar nicht umgebracht, das war doch Selbstmord! Sagen alle!“
Rüdiger, der langsam an Substanz gewann, hatte während der Geschichte nicht einmal nach der Schokolade gelinst. Er biss sich auf die Lippen und seufzte dann. „Sagen alle, ich weiß. Ich hab es in der Zeitung gelesen. Mandy hat es auch gelesen und ist ziemlich sauer, dass der Mistkerl straflos davon gekommen ist. Im Moment haben die beiden noch anderes im Kopf – sie brechen gerade zur zweiten Hochzeitsreise auf – aber Rudolf muss ihn fordern. Es ist seine Aufgabe, den Mörder seiner Frau zur Rechenschaft zu ziehen. Er hätte es längst tun sollen. Sein Problem ist, dass er mitunter vergisst, dass wir mehr Zeit haben als Menschen.“
„Was sagst du da? Mandy wurde umgebracht? Moment mal, du kennst Mandy? Dein Bruder hat Mandy geheiratet? Und wer hat Mandy – Warnke? Doch nicht wirklich Warnke?“ Anja stützte sich auf den Tisch und starrte Rüdiger an.
„Ja, wir waren zufällig vor Ort, als Warnke Mandy vom Gebäude warf – da hatte er sie aber schon erschlagen. Sie hatte ihn und diesen Hohmann oder Hoffmann belauscht, wie der Warnke Geld gab. Bestechungsgeld. Statt ihn am nächsten Tag anzuzeigen, hat sie ihn gleich zur Rede gestellt. Da hat er sie mit einem Stein erschlagen und dann vom Haus geworfen, um den Mord wie einen Selbstmord aussehen zu lassen. Weißt du, die Leute sind immer so irritiert, wenn sie nach ihrem Tod als Gespenster auferstehen. Wir dachten, es wäre ritterlich, Mandy ein wenig einzuführen. Bei Rudolf war es Liebe auf den ersten Blick. Und zwei Wochen später haben Rudolf und sie geheiratet.“ Unvermittelt setzte er sich aufrecht hin – er hatte inzwischen genug Substanz, um sitzen zu können – und griff nach seinem Schwert. „Er bedroht jetzt dich? Wer beschützt dich?“
Anja schlang die Arme um sich. „Niemand, fürchte ich. Ich kenne hier noch niemanden. Außer dir, meine ich.“
Rüdiger sprang vom Stuhl, kniete vor ihr nieder. „Dann lass mich dein Ritter sein. Ich werde deinen Schal an meinen Helm binden und für dich kämpfen. Lass mich diesen Unhold alle machen, der dir das Leben schwer macht!“
Anja musste sich das Lachen verkneifen. Er meinte es todernst und hatte ein Auslachen nicht verdient. „Weißt du, Rüdiger, so löst man das heutzutage nicht mehr. Aber frag mich jetzt nicht, wie man es dann löst. Ich habe keine Ahnung, was ich jetzt tun soll. Der normale Weg wäre wohl, zur Polizei zu gehen. Aber was, wenn der Ernst macht und mich auch umbringt ... die sperren den ja nicht gleich ein, nur weil da eine kommt und wirres Zeug erzählt.“
Rüdiger hatte sich wieder hingesetzt, eine Weile unsicher zwischen der Tischplatte und Anja hin und her gesehen, fasste aber schließlich den Mut, ihre Hand zu nehmen und festzuhalten. Als Anja ihre Hand in seiner ließ, entspannte er sich merklich und legte auch seine andere Hand darüber. „Wenn er dich umbringt, hole ich dich ab und kümmere mich um dich. Und ich werde Rache nehmen für das, was er dir antut.“
Kurz kam Anja der Gedanke, dass eine Existenz, in der Rüdiger sich um sie kümmerte, nicht die schlechteste aller möglichen Zukünfte wäre. Er sah wirklich stattlich aus in seinem Kettenhemd. Sie begann sich zu fragen, wie stattlich er unter dem Kettenhemd wohl aussehen mochte.

Anja knöpfte ihre Jacke zu. Obwohl es Hochsommer war, wurde es jetzt kühl. Es war schon kurz vor zwei, die Feier war doch noch ganz lustig geworden. Sie hatte sich gut mit den Kolleginnen und Kollegen unterhalten und war viel länger geblieben, als geplant. Frau Becker hatte sie auch gar nicht gehen lassen wollen – „Was wollen Sie denn zu Hause – das wartet doch keiner auf Sie!“ Doch, es wartete jemand. Jemand, auf den sie sich inzwischen jeden Abend freute. Aber wie sollte sie Rüdiger den Kollegen erklären?
Unwillkürlich beschleunigte sie ihren Schritt, als die Häuser dem Moor wichen. Sie zuckte zusammen, aber es war nur ein Windstoß im Schilf. Vielleicht hätte sie doch durch die Straßen gehen sollen, aber sie hatte Lust gehabt, einen Spaziergang im Moor zu machen nach dem vielen Herumsitzen. Und letztlich – wer sollte hier in der Wildnis auf einsame Wanderinnen warten? Die Chance, eine zu treffen, war denkbar gering. Noch an den drei Weiden vorbei, dann hatte sie wieder bewohnte Häuser neben sich.
Hinter der ersten Weide trat eine Gestalt hervor und baute sich vor ihr auf. Rechts und links von ihr standen plötzlich zwei weitere Kerle, hielten irgendetwas in den Händen. Anja verharrte, wich dann zurück, um alle drei im Auge behalten zu können. Als sie erkannte, dass es Schlagringe waren, was die Kerle in den Händen hielten, schrie sie auf, drehte sich um und rannte um ihr Leben. Sie kam nicht weit, bevor sie zu Boden gerissen wurde.
Um gleich darauf wieder losgelassen zu werden. Sie wagte sich nicht zu rühren, aber nichts geschah, dann lachte einer der drei. „Scheiße! Was’n das für einer? Sind wir hier beim Scheiß-Karneval oder was?“
Karneval? Hoffnungsvoll richtete Anja sich auf und wandte den Kopf. Eben zog Rüdiger sein Schwert. Die drei Schläger johlten und traten auf Rüdiger zu, einer hob den Schlagring. Als das Schwert ihm in den Arm fuhr, wurde aus dem Johlen ein Jaulen. Rüdiger zog die Klinge stirnrunzelnd zurück. „Mist, es ist stumpf. Durch den letzten Arm ist es noch durchgegangen wie durch Butter.“ Er wandte die Klinge im Licht des Vollmonds, wobei das verkrustete mittelalterliche Blut sehr gut sichtbar wurde. Als er sich wieder den Schlägern zuwenden wollte, waren denen offenbar unaufschiebbare Termine eingefallen. „Scheiße! Warum hat uns der Scheiß-Warnke nichts von dem Scheiß-Irren erzählt?“ hörte Anja noch, dann waren sie verschwunden.
Rüdiger steckte sein Schwert wieder ein und ließ sich neben ihr auf die Knie nieder. „Was haben sie Euch – dir angetan? Kam ich zur rechten Zeit?“
„Ja, ist nichts passiert. Wo – wie kommst du hierher?“ Sie ließ sich von ihm aufhelfen.
„Ich wollte mir die Zeit vertreiben, bis zu deiner Rückkehr. Ich dachte, ich könnte dir entgegen schweben. Oder gehen. Kennst du einen Waffenschmied, der um diese Tageszeit noch arbeitet?“
Überfordert sah Anja ihren Ritter und Retter an. „Waffenschmied. Ich bin mir noch nicht mal sicher, ob es überhaupt noch richtige Schmiede gibt – aber ganz bestimmt keinen Waffenschmied, der Schwerter schärfen kann. Ich fürchte ...“
Anja brach ab. Auf einmal wurde ihr eiskalt. „Was hat der gesagt?“ Sie griff nach Rüdigers Arm. „Ganz zum Schluss – was hat der gesagt?“ Rüdiger sah sie erst fragend an, runzelte dann die Stirn und überlegte angestrengt. Dann hellte sich sein Gesicht auf. „ ‚Warum hat uns der Warnke nichts von dem Irren erzählt?‘ hat er gesagt. Welcher Irre eigentlich?“
Es gelang ihm gerade noch rechtzeitig, die Dame seines Herzens aufzufangen.

„Danke. Rüdiger, die kannten Warnke. Die waren auf seine Anordnung hinter mir her – das war nicht nur einfach so ein Überfall!“ Anja klammerte sich an dem Becher Tee fest, den Rüdiger gebraut hatte. Allmählich kannte er sich in der Bedienung der elektrischen Küchenmädchen aus, wenn auch noch nicht mit den Feinheiten der Zubereitung schwarzen Tees. Aber Anja hatte anderes im Kopf, sie kippte Milch und Rum in die Tasse, um die Bitterkeit zu übertönen. „Was mach ich denn jetzt bloß? Wenn du nicht gekommen wärst ...“ Hätten die sie umgebracht? Bei Mandy hatte Warnke auch keine Skrupel gehabt.
Rüdiger hatte neben ihr gesessen, sie aufmerksam beobachtet und sichtlich angestrengt über etwas nachgedacht. Schließlich schien er zu einem Entschluss gekommen zu sein und legte ihr vorsichtig einen Arm um die Schultern. Anja ließ sich gegen ihn sinken.
„Ich beschütze dich vor diesen Rowdys. Ich werde mein Schwert schärfen, und dann werde ich sie zum Turnier fordern. Oder besser, ich erschlage sie gleich. Ein Turnier ist nur etwas für ehrenhafte Gegner. Das da waren Schurken und Unholde“, versprach er ihr. Anja brachte es nicht übers Herz, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass ein Ritter, der nur für wenige Stunden zwischen Mitternacht und der Morgendämmerung materialisiert genug war, um jemanden zu köpfen, nur einen suboptimalen Schutz bot. Langsam leerte sie den Becher und wurde etwas ruhiger. Vor allem der Rum tat allmählich seine Wirkung. Sie versuchte eine bequeme Stellung zu finden, aber vergebens. Die Ringe des Kettenhemdes drückten und piekten in Schultern und Wangen. Schließlich hob sie den Kopf. „Ist dieses Blechzeug nicht ein bisschen umbequem? Wenn du es ausziehen möchtest ...“
Rüdiger rückte zur Seite und starrte sie mit aufgerissenen Augen an. „In der Kemenate einer edlen Dame? Dein Ruf ...“
„Lass mal, der Ruf einer Dame hält es heutzutage schon aus, wenn ein Ritter sein Kettenhemd ablegt.“
Rüdiger schien immer noch nicht ganz überzeugt. „Meinst du wirklich?“
„Hm, ja, wirkl...“
Der Anteil Rum war wohl doch etwas hoch gewesen, Anjas Kopf sackte nach unten und sie begann, leise zu schnarchen. Rüdiger deckte sie sorgfältig zu, ließ das Kettenhemd an und setzte sich mit gezogenem Schwert vor die Kemenatentür. Jedweder Unhold würde an ihm und seinem Schwert vorbei müssen.

Seit einer Stunde starrte Anja auf den Bildschirmschoner. Sie merkte noch nicht einmal, dass der sich auch abschaltete und der Rechner in den Ruhemodus ging. Neben ihr lag die Akte, wegen der Warnke offenbar bereit war, auch einen zweiten Mord zu begehen. Das einfachste wäre, sie einfach ins Regal zu stellen und nie wieder anzusehen. Aber es wäre nicht richtig. Was wäre das für eine Welt, in der Schweinehunde wie der einfach mit ihren Methoden durchkommen?
Eine Weile schob sich das Bild des langsam verblassenden Ritters vor ihr Auge. Die ganze Nacht hatte er offenbar vor ihrem Bett gesessen und über sie gewacht. Wer tat so etwas heute noch? O.k., es war natürlich auch einfacher, wenn man ein Gespenst war und keinen Schlaf brauchte. Aber er war ... Anja fand keine Worte und verlor sich in einer wohligen Wärme.
Bis die Tür sich öffnete und der Bauamtsleiter hereinsah. Es war, als fiele sie im grönländischen Winter ins Meer. „Ach, Frau Bergmann. Geht es ihnen gut? Sie möchten auch sicher, dass das so bleibt? Einen schönen Tag noch!“
Kein Zweifel, der Typ meinte es ernst. Und irgendwann würden die sie ohne Rüdiger erwischen.
Erst wenn der Warnke tot wäre, hätte sie Ruhe vor ihm. Oder sie.
Die Ordner, die sie in der Hand hielt, krachten zu Boden. Frau Becker sprang erschrocken auf. „Was ist denn nur mit Ihnen heute? Wollen Sie sich nicht frei nehmen? Ich sehe doch, dass es Ihnen nicht gut geht.“ Sie bückte sich, um die Ordner aufzusammeln. Anja stand still da und erklärte Frau Beckers Rücken: „Doch, ich glaube, es geht mir gut. Ich glaube, ich habe gerade die Lösung zu allen Problemen gefunden.“

„Was?“ Rüdiger ließ Helm und Schwert zu Boden poltern. „Aber das kommt überhaupt nicht in Frage! Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich das auf keinen Fall von einer Dame annehmen ...“
„Sei nicht blöd, großer Bruder. Die Frauen von heute tun eh, was sie wollen.“ Rudolf stockte, sah in seinen Weinbecher und fuhr dann fort: „Eigentlich haben sie das schon immer getan. Wenn sie unbedingt will – ich find’s ne coole Idee.“
Rüdiger holte tief Luft, wedelte mit den Armen herum, fand aber keine adäquate Antwort vor Entrüstung.
„Außerdem haste ihr doch auch versprochen, alles für sie zu tun, oder?“ Rudolf tauschte den Weinbecher gegen eine Chipstüte.
Finster starrte Rüdiger seinen Chips knuspernden Bruder an. Mandy erhob sich schließlich. „Komm, Rudolfchen, wir gehen in die Küche und bereiten da mal was vor.“
„Wie jetzt? Wir sind zum Dinner eingeladen, als Gast muss man nichts ...“
„Rudolf!“
Anja schloss die Tür hinter den beiden und drehte sich zu ihrem Ritter um. „Rüdiger – wir könnten zusammen leben ...“ Sie stockte kurz. „Ist vielleicht nicht die richtige Wortwahl. Aber wir wären für immer zusammen, nicht nur ein paar nächtliche Stunden. Ich dachte, das wolltest du auch ...“
Er sank vor ihr auf die Knie. „Geliebte! Nichts wünsche ich mir sehnlicher – aber das hat doch Zeit. Ich kann doch warten, bis du irgendwann sowieso ...“
„Dann bin ich alt, grau und hässlich und du bist längst bei einer jüngeren.“
„Niemals! Wie kannst du so etwas von mir denken!“
„Rüdiger – wenn wir meinen Plan durchführen, könntest du das Moor verlassen. Du wärest frei.“
Sehnsucht stahl sich in Rüdigers Blick, aber er straffte sich mannhaft. „Nein, das Opfer werde ich nicht ...“
„Herrgott, Rüdiger! Die Platte hat einen Sprung!“
Beim Anblick des völlig verständnislosen Gesichtes musste Anja lachen. „Erklär ich dir später. Aber das hast du schon gesagt und ich habe es schon mal nicht akzeptiert. Also lass es. Wenn wir meinen Plan durchführen, sind alle Probleme gelöst – und der Warnke kriegt, was er verdient hat.“
„Das hätte er allerdings verdient. Aber was? Und wie?“ Endlich schien Rüdiger dem Plan jedoch Interesse entgegenzubringen.

„Alles klar, wir haben es.“ Mandy reichte Anja ein Küchenmesser. Anja vervollständigte noch schnell den Brief an Frau Becker und fasste das Messer dann mit einem Taschentuch. „Du lieber Himmel, schlachtet der in seiner Küche?“
Mandy lachte: „Halb so wild, diese großen sind Gemüsemesser. Und das lag so weit hinten in der Schublade, das vermisst er die nächsten Tage bestimmt nicht. Es ist ganz schön anstrengend, wenn man nur wenige Stunden hat. Erst musste ich durch die Wand schweben, warten, bis ich genug Substanz hatte, um meinem Liebsten die Terrassentür aufzumachen, ihm das Messer rausreichen, die Tür wieder schließen und dann warten, bis ich wieder durch die Wand nach draußen konnte. Und mit den Stiefeln im Keller alles noch mal, weil er den extra abgeschlossen hatte. Und immer aufpassen, dass der Warnke nicht wach wird.“ Mandy seufzte. „Aber andererseits kriegt man es lebendig gar nicht so spurlos hin. Außerdem sollte ich mich nicht beschweren – das größte Opfer bringst du. Dadurch bringst du mich zwar um das Vergnügen, solange bei ihm zu spuken, bis er reif für die Klapsmühle ist, aber so ist es natürlich noch viel besser. Bloß hätte ich so etwas von niemandem verlangen können. Und wie geht es jetzt weiter?“
„Jetzt ...“ Anja schluckte. „Jetzt muss mir einer die Pulsadern aufschneiden. Das Beruhigungsmittel habe ich schon genommen, muss jeden Moment wirken. Es muss einer von euch tun, die Gerichtsmediziner können bestimmt anhand des Schnittwinkels oder was weiß ich feststellen, ob man das selbst gemacht hat oder nicht. Im Fernsehen können sie so was immer.“ Sie hielt Rüdiger das Messer hin.
„Stopp! Nicht mit bloßen Händen“, schaltete Mandy sich ein. „Am Ende hinterlassen auch Gespenster Fingerabdrücke.“ Sie wickelte den Messergriff in ein Taschentuch und reichte Rüdiger die Klinge. Der wich entsetzt zurück.
Rudolf verdrehte die Augen. „Stell dich nicht so an. Gib her!“
Prompt riss Rüdiger das Messer an sich. „Du rührst sie nicht an, du Flegel!“ Er holte tief Luft, nahm das Messer, griff sich Anjas Handgelenk und setzte an. Anja schüttelte den Kopf.
Rüdiger sah ihr in die Augen. „Du hast Angst. Du willst nicht wirklich, ich sehe es, du hast den Kopf geschüttelt.“
Rudolf murmelte etwas von einer fernen und wünschenswerten Zukunft, in der Frauen wüssten, was sie wollten, aber Anja antwortete nur: „Quatsch. Aber so wird das nichts. Du musst längs schneiden, nicht quer. Sonst fließt zu wenig Blut.“
„Oh.“ Folgsam und nur ganz wenig zittrig führte Rüdiger die Anordnung aus. Atemlos verfolgten alle, wie Anja blasser und blasser wurde und das Blut in den Teppichboden sickerte. Als der letzte Tropfen in der Wolle des Berbers verschwand, holte Mandy die Stiefel hervor, drückte sie in die Lache und druckte zwei ordentliche und einen verschmierten Fußabdruck in den Teppich. Sie legte den Kopf schief und war zufrieden. „So, Rudolf, du bringst die Stiefel zurück. Ich kümmere mich um das Messer.“
„Aber das kann ich doch eh erst nächste Nacht machen. Wir schwinden schon wieder. Und was ist mit ihr ...“
„Rudolf! Ich denke, das kannst du getrost deinem Bruder überlassen! Wir sind hier überflüssig! Verschwinde endlich!“

„Fühlt sich ja schon etwas ungewohnt an.“ Anja bewegte ihre Hände vor ihren Augen. „Aber nicht schlecht. Jetzt müssen nur noch die Beweismittel an Ort und Stelle.“
„Hamwa schon.“ Rudolf grinste zufrieden. „Während ihr hier schon die zweite Nacht Händchen gehalten habt oder was auch immer – warum denn so verlegen, großer Bruder? – haben wir die blutigen Stiefel zurück in Warnkes Keller gebracht, das Messer verstauen wir heute Nacht in seinem Schreibtisch im Büro. Was soll es eigentlich da? Und warum erst jetzt und nicht schon vorgestern?“
„Naja, die Beweismittel müssen ja auch von wem gefunden werden. Und Familie hat er keine. Wir müssen jetzt nur noch dafür sorgen, dass die Becker in seinen Schreibtisch guckt, wenn er morgen auf Dienstreise ist. Solange er selbst im Büro ist, kann sie da nicht reingucken, er darf es aber auch nicht vor ihr finden. Würde sich doch ziemlich über ein Messer im Schreibtisch wundern, oder? Also kann es erst jetzt dahin.“
„Aber ihr habt das ganze Blut abgewischt“, zweifelnd drehte Rüdiger das Messer in den Händen. „Was beweist denn das jetzt noch?“
„Blutreste zu finden ist für Kriminaltechniker heute kein Problem mehr, und der Mörder hätte das Messer doch auch abgewischt. – Wie ist das?“
Anja beschmierte sich mit Ketchup, ließ sich auf die Knie fallen, rang die Hände und heulte fürchterlich. „Huh! Rächen Sie mich! Rächen Sie mich! In seinem Schreibtisch, sehen Sie in seinen Schreibtisch ... Huh!“
Sie ließ die Hände sinken und sah die drei fragend an. „Oder ist das zu dick aufgetragen?“
Alle schüttelten übereinstimmend den Kopf. „Nee, is cool.“
Rüdiger teilte die Ansicht seines Bruders. „Die Leute erwarten das von Gespenstern so.“

Einige Nächte später hockten die vier Gespenster auf dem Fußboden des Zeitschriftenladens und studierten aufmerksam die Zeitung.
„Hier! Klasse! Es hat geklappt! Man hat die Mordwaffe bei Warnke im Schreibtisch und die blutigen Stiefel bei ihm im Keller gefunden. Mein Selbstmord wurde als Mord enttarnt und Warnke verhaftet. Der Reporter stellt hier Überlegungen an, ob nicht auch dein Selbstmord in Wirklichkeit ein Mord im selben Zusammenhang war. Aufgrund meines Briefes an die Becker durchwühlen sie nun die Akten. Hofmann steht schon unter Korruptionsverdacht. Super. Könnte gar nicht besser sein.“ Zufrieden lehnte Anja sich zurück.
Mandy runzelte die Stirn. „Aber der hat immer noch die Dreistigkeit, zu behaupten, er hätte die Akten gar nicht gefälscht. Er hätte das gar nicht tun können, weil er wegen des neuen Sicherheitssystems gar nicht an die Akten beim StAUN ran gekommen wäre. Das müsse einer von dort gewesen sein. Die wissen aber von nichts, einen Kollegen, zu dem die Unterschrift passt, gibt es dort gar nicht. Der Typ ist einfach ...“
Rüdiger und Rudolf tauschten verlegene Blicke und studierten dann sehr intensiv die Fauna auf Zeitschriftenladenböden. Jetzt tauschten Mandy und Anja Blicke. „Was ist? Ihr habt doch irgendwas?“
Rüdiger schob den Helm in den Nacken und kratzte sich den Schädel. „Naja, er kannte das Passwort für das Sicherheitssystem wirklich nicht. Er hat die Unterlagen beim StAUN nicht gefälscht. Er hat das Geld von Hofmann eingestrichen, ohne wirklich was dafür getan zu haben. Ich glaube beinah, davor, dass Hofmann das erfährt, hatte er am meisten Angst. Deshalb ist er auch vor dem Mord an zwei edlen Frouwen nicht zurückgeschreckt.“
„Ja, aber die Akten sind doch gefälscht worden – wer soll denn dann ... Nein, sag, dass das nicht wahr ist. Ihr wart das?“
Rudolf und Rüdiger studierten immer noch die bodennahe Mikrofauna. „Naja, weil doch Rüdiger immer so einsam war. Er hat sich so gelangweilt und konnte doch nich raus aus dem Moor. Irgendwann hab ich den Hofmann und den Warnke belauscht, wie sie sich den Plan ausdachten. Da dachten wir – ein Haus mit Leuten ... und für mich war es leicht, die Mitarbeiter beim Eintippen von Passwörtern zu beobachten. Der hätte das auch ohne uns gemacht, aber so ging es schneller, dachten wir und geht heimlicher. Ich habe ja schon eine Unterschrift genommen, die es nicht gibt, damit nicht noch jemand Ärger kriegt. Falls es doch auffliegt. Wir haben doch nicht gewollt, dass es deswegen zu Mord und Totschlag ... Das tut uns wirklich Leid ...“
Ungeduldig winkte Mandy ab. „Es geht doch nicht um den Mord! Aber wie konntet ihr nur in einem der letzten Moore so ein Bauvorhaben unterstützen?“
Beide Ritter sahen auf und runzelten die Stirn. „Moor? Es tut euch um das Moor leid? Aber wer braucht denn diesen unnützen Matsch? Man kann nichts darauf säen, noch nicht mal als Viehweide taugt es was.“
„Das Moor ist ein unersetzlicher Lebensraum!“ erwiderte Anja entrüstet. „Die ganzen vom Aussterben bedrohten Pflanzen! Da ein Haus bauen zu lassen, ist unverzeihlich!“
Unglücklich wandten die Ritter sich wieder dem Bodenleben zu.
Ein Schrei ließ die vier aufspringen. Sie rannten zum Fenster, Anja gelang es bereits, durch die Wand des Geschäftes zu schweben. In der Fußgängerzone lag ein lebloser Körper, eine Gestalt lief in die Dunkelheit davon. Sie schwebte hinterher und rief ihren Freunden zu: „Arbeit für uns! Ihr kümmert euch um den Toten, ich kriege raus, wer das war! In dieser Stadt bleibt kein Verbrechen mehr ungestraft!“

© Wiebke Salzmann, 2007

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© Wiebke Salzmann