• Wiebke Salzmann

    freie Lektorin und Autorin

  • Text-Wirkerei

  • Wirken an Texten – Wirken von Texten

Zu dieser Geschichte

inspirierte mich ein Großbrand, der sich 1903 in Mönchhagen ereignete, bei dem sich tatsächlich die Zeitungen entrüsteten, dass es im Ort keine Feuerspritze gab, und einen Arbeiter für tot erklärten, der lt. Aktenlage aber überlebt hat. Ich war als Ortschronistin damals auch auf der Suche nach dem Anschaffungsjahr unserer Feuerspritze (vorher war Mönchhagen in einem Spritzenverband, wie das damals nicht unüblich war). Aber ansonsten ist die ganze Geschichte vollkommen fiktiv – die Personen gab es nicht, ich habe keinen Katen geerbt und wir haben auch keine Leichen im Garten. Auch meine Großmutter nicht.

Die verschwundene Chronik

oder: Das Bewahren von Traditionen

„Das stimmt doch gar nicht!“
Sissela las den Zeitungsartikel, in dem detailliert beschrieben wurde, welche Körperteile den Brandleichen im einzelnen fehlten, noch einmal. „August Holter ist nicht auf dem Weg in die Uni-Klinik gestorben. Der hat überlebt.“, murmelte sie und suchte die Kopien aus dem Landeshauptarchiv aus dem Stapel. Sie hatte sich nicht geirrt, da stand es schwarz auf weiß, dass Holter noch bis 1907 eine Rente vom Großherzoglichen Finanzministerium bekommen hatte. Offenbar waren Zeitungsmeldungen damals auch nicht zuverlässiger gewesen als heute. Dass die Leute immer so nachlässig mit der Wahrheit umgingen!
Sissela stammte nicht aus Bobbenrode, war immer nur in den Ferien bei Oma hier gewesen, bis sie den Katen geerbt hatte. Im Grunde eine ideale Voraussetzung für eine Chronistin – so stand sie allem neutral gegenüber.
Sissela griff nach der Tasse, dann nach der Kanne, aber beide waren leer. Also erst mal Tee kochen. Feuerwehr-Chroniken schreiben ohne Tee – das ging gar nicht. Als man ihr die alten Protokolle in die Hand gedrückt hatte, hatte sie gedacht, sie würde das lesen und zusammenfassen und die Chronik wäre fertig. Weit gefehlt ... Es fing mit diesem Satz aus der Chronik der Nachbarfeuerwehr an: „Großbrand in Bobbenrode und keine Spritze im Ort!“ Dieser Großbrand hatte im Jahre 1903 stattgefunden. Und nun, viele Besuche in drei verschiedenen Archiven später, wusste Sissela immer noch nicht, wann genau die Spritze denn nun gekauft wurde. Sie bräuchte diese verschwundene Dorfchronik. Der Bruder von der alten Berta sollte eine verfasst haben, im Auftrag der Gemeindevertretung, vor fünfundzwanzig Jahren. Aber die war verschwunden und Sissela hatte keine Ahnung, wo sie die suchen sollte. Wie das so war. Einer lieh sie aus, gab sie nicht zurück und sie geriet in Vergessenheit. Dass die Leute kein Gefühl dafür hatten, wie wichtig solche alten Unterlagen waren! (Gut, der ein oder andere wäre wohl der Meinung, die Bobbenroder Feuerspritze wäre nicht gerade von weltbewegender Bedeutung, aber irgendwie ging es hier ja auch ums Prinzip.) Ob Berta Wille noch lebte? Oder der Chronist selbst, der musste doch über seine Chronik was wissen! Aber erst einmal musste frischer Tee her.
Dieser Großbrand fesselte Sissela mehr und mehr, je mehr sie über ihn erfuhr. Sie füllte ihre Tasse mit frischem Tee. Es war eine der Sammeltassen ihrer Oma. Sissela hatte immer gehofft, dass sie die Sammeltassen mal erben würde – und nun gehörte ihr das ganze Haus, ein alter Katen mit breiter Diele und kleinen Kammern rechts und links davon. Sollte sie jemals genug Geld haben, würde sie auch wieder ein Strohdach darauf setzen lassen. Oder auch nicht – in der Mecklenburgischen Zeitung hatte es zu dem Brand geheißen: Das Strohdach schoß herunter und versperrte die Tür, Mauerwerk und Balken brachen zusammen und prasselten nieder.
Ihre Oma konnte sie nicht mehr nach dem Brand fragen, die war vor einem Jahr gestorben. Sissela erinnerte sich, dass vor vielen Jahren mal die Rede auf ein großes Feuer gekommen war. Sie selbst war damals noch ein Kind gewesen, etwa sechs Jahre alt, und hatte mit dem Hund unter dem Tisch gehockt, an dem Mutter, Oma und Uroma Erbsen pulten.
Sissela umfasste die Tasse und versuchte, sich die Szene ins Gedächtnis zu rufen.

„Dieser Chronist will morgen kommen. Er will mich interwjuwen, oder wie das heute heißt.“ Das war die leise Stimme von Uroma.
„Das ist doch schön! Du bist so alt und hast dein ganzes Leben hier im Dorf verbracht, dein Wissen ist doch unschätzbar für einen Chronisten!“
„Blödsinn“, unterbrach Oma die Mutter, so barsch, dass Sissela unter dem Tisch zusammenzuckte.
„Was gehen den unsere Erinnerungen an? Chronist – das ist doch der Sohn von der alten Berta Wille, die sollen sich um ihren eigenen Kram kümmern und sich aus unseren heraushalten!“
„Er sagte, er wolle mich zu dem Brand befragen.“
Sissela horchte auf. Ein Brand?
„Ein Brand?“ fragte auch ihre Mutter erstaunt. „Was für ein Brand?“
„Ach, so ein Brand eben. Diese alten Stroh- und Lehmhäuser haben doch früher ständig gebrannt. Danach braucht niemand zu fragen.“
„Was regst du dich denn so auf, Mutti? Lass ihn doch mit Oma über den Brand ...“
„Themawechsel! Wir wissen nichts über den Brand und gut!“
„Aber nicht doch, Friederike. Er soll ruhig kommen und mir seine Fragen stellen, der Herr Wille. Ich werde sehen, was er fragt, und dann werde ich sehen, wie ich antworte. – Sissela, mein Schatz, du hockst doch da unten? Magst du zur Apotheke laufen und mir meine Herztabletten holen?“

Warum hatte Oma damals so harsch reagiert? Sie hatte sonst keine Gelegenheit ausgelassen, Dorfereignisse – aktuelle wie längst vergangene – bis ins Letzte zu besprechen, zu deuten, auszuschmücken (Opa hatte durchaus andere Bezeichnungen für diese Tätigkeit gehabt). Warum wollte sich nicht diesen Brand reden? Oma war 1903 zwar noch ein kleines Kind gewesen, aber sie hatte zeit ihres Lebens in Bobbenrode gewohnt und kannte jeden, inklusive seiner kompletten Lebensgeschichte. Sie musste etwas über den Brand gewusst haben. Sissela setzte die Tasse ab und durchwühlte den dritten Papierstapel von links. Irgendwo darin musste das Telegramm sein, mit dem das Amt Lebewinkel das Großherzogliche Finanzministerium über den Brand benachrichtigt hat. Und in dem Telegramm stand, welcher Hof damals von dem Brand betroffen war. Da: ... ist gestern der zu hufe nr 15 gehörige, mit stroh gedeckte erbpachthof nebst stall abgebrannt. Hufe 15. Wo hatte die gelegen? Sissela ging hinüber in ihre Für-alles-was-sonst-nirgendwo-Platz-hat-Kammer. Dort lag die Karte von 1896, die sie sich im Archiv hatte kopieren lassen. Hufe 15. Die lag – Sissela musste sich setzen. Die lag genau da, wo sie jetzt saß. Ihr Katen hatte offenbar zu genau dieser Hufe gehört.
Oma hatte auf dem Brandplatz gewohnt? Dann musste sie das Ganze doch hautnah miterlebt haben?Sie war fünf Jahre alt gewesen, in dem Alter erinnerte man sich doch schon an sowas! Wieso hatte sie nie darüber geredet? Sissela beschloss, auf die Suche nach Überlebenden aus der Familie Wille zu gehen.

Berta Wille hatte in einem Katen gewohnt wie Sissela jetzt, nur dass der Willesche Katen nie renoviert worden war. Die alte Berta hatte sich gegen alles gesträubt, vom fließenden Wasser bis zu Elektrizität. Sissela wunderte sich, ob so etwas heute überhaupt noch erlaubt war. Aber Berta war eben Berta. Als Spökenkiekerin bekannt – man könnte auch sagen, verschrien. Sissela hatte als Kind immer ein wenig Angst vor der alten Frau gehabt. Nicht zuletzt, weil sie deutlich gespürt hatte, dass Oma die alte Berta mied. Ob sie noch lebte? Wahrscheinlich nicht, sie hatte damals schon uralt ausgesehen.
Den Weg fand Sissela ohne Probleme, oft war sie mit dem Hund am Willeschen Katen vorbei in den Wald gegangen. Nichts hatte sich verändert seit Sisselas Kindheit, gar nichts. Die Stockrosen standen neben der Tür, der Flieder neben der Gartenpforte. Auf der Bank vor dem Haus schlummerte eine Katze. Es sah aus wie auf einem Kalenderblatt. Genau so, wie ein alter Bauernkaten nach heutigen Vorstellungen auszusehen hatte.
Sissela wich vor Schreck zwei Schritte zurück, als Berta Wille um die Ecke bog.
„Sie leben noch?“ entfuhr es ihr, bevor ihr klar wurde, was sie da sagte. Als es ihr klar geworden war, spürte sie die Röte, die ihr in die Wangen stieg.
„Sieh an, sieh an, Friederikes Enkelin. Man hörte, du wohnst jetzt hier?“
Sissela trat wieder an den Zaun. „Ja, Oma hat mir ihr Haus vererbt. Eigentlich natürlich meiner Mutter, aber die wollte nicht nach Bobbenrode zurück.“
Aufmerksam musterte die alte Frau Sissela, deren Wangen unter diesem Blick schon wieder heiß wurden. „Hat sie dir erzählt, warum?“ Dann kicherte Berta. „Aber ja, ich lebe noch. Ich überlebe sie alle. Ich habe auch deine Oma überlebt. Meine Mutter hat das nicht geschafft.“ Wieder sah sie Sissela forschend an. Sissela wich einen Schritt zurück. Sie überlegte, ob es Sinn hatte, die wunderliche Alte nach der Chronik ihres Bruders zu fragen.
„Hast du schon aufgeräumt bei deiner Oma? In so einem alten Haus sammeln sich viele Dinge an. Vielleicht findest du Dinge, die schon lange verschollen sind. Manches bleibt verschollen. Manches ist nur vergraben und findet sich wieder an.“ Ein weiterer langer Blick ruhte auf Sissela. Nein, beschloss diese, sie würde nicht fragen. Diese Blicke waren schwer zu ertragen und so richtig sinnvoll klang – vorsichtig ausgedrückt – nicht alles, was die alte Frau von sich gab.
Dann kam wieder Leben in Berta. „Warte hier!“ Erstaunlich rasch humpelte sie um die Ecke hinter das Haus und erschien nach einer Weile mit einem Tontopf voll Erdbeerpflanzen. „Hier. Die müssen gepflanzt werden. Bald gepflanzt werden. Bring sie in die Erde, hinter dem Rhabarber. Da hatte deine Urgroßmutter auch immer die Beete. Gute Erde, da. Dort solltest du graben. Ja, manches findet sich wieder an.“ Sie gab Sissela kaum Gelegenheit, sich zu bedanken, sondern wandte sich zum Haus zurück. Nach ein paar Schritten drehte sie sich noch einmal zu Sissela um. „Und pass auf den Tontopf auf. Deine Urgroßmutter hat ihren zerbrochen.“

Du lieber Himmel, Frau Wille fiel als ernstzunehmende Quelle ja wohl aus. Aber die Erdbeerpflanzen waren ein nettes Geschenk, Erdbeeren waren immer gut. Sie stellte den Tontopf mit den Pflanzen in den Schuppen. Zum Pflanzen war es jetzt zu spät, es dämmerte schon, in einer halben Stunde war es dunkel. Sissela setzte sich wieder an den Küchentisch zu ihren Akten, Fotos und Listen. Es musste im Dorf doch noch andere Leute geben, die sie fragen konnte. Wen kannte sie gut genug, um ihn damit zu überfallen? Andererseits freuten sich die meisten Leute eher, wenn man etwas aus ihrem Erfahrungsschatz wissen wollte. Der alte Pfarrer? Mit dem hatte Oma viel Kontakt gehabt. Sissela warf einen Blick auf die Uhr – halb zehn abends. Eindeutig zu spät, um pensionierte Pastoren, die man kaum kennt, noch anzurufen. Aber schlafen konnte sie jetzt auch nicht. Abwasch? Seufzend starrte sie den Berg an und überwand sich dann. Lange konnte sie das ohnehin nicht mehr vor sich herschieben. Das Trockentuch konnte auch mal in die Wäsche. Es war noch von Oma, aus ihrer Aussteuer, mit eingestickten Initialen – F. H. Das F stand für Friederike, aber H.? Oma hatte Behrens geheißen, das passte nicht. Wie war der Mädchenname ihrer Oma? Sollte man so etwas nicht wissen?
Sissela ließ den Abwasch Abwasch sein und suchte den Ordner mit den Papieren ihrer Oma in deren früherem Schlafzimmer. Noch stand Omas Einrichtung hier drin. Zum Glück hatte Oma die penible Ordnung, die Opa da hinein gebracht hatte, nie angetastet – das hatte es Sissela sehr erleichtert, nach Omas Tod alles um-, ab- und anzumelden. Sie hatte die Heiratsurkunde ihrer Oma denn auch bald gefunden. Den Abwasch vergaß sie nun endgültig.
Holter. Der Mädchenname ihrer Oma war Holter.
Und ihre Eltern hießen Hildegard und August. August Holter. Sisselas Urgroßvater war der totgeglaubte Rentenempfänger August Holter? Na, wenn das keine Überraschung war!
Aber irgendwas war da. Irgendwas stimmte da nicht.
Stirnrunzelnd lehnte Sissela sich gegen die Wand, spielte mit einer Tonscherbe, die unter Omas Bett gelegen hatte, und starrte den Küchenschrank an, als säße das Irgendwas da drin und käme gleich heraus.

Aber es saß nicht im Küchenschrank, es versteckte sich in der Shampooflasche. Als Sissela die Flasche am nächsten Morgen aus der Hand fiel und auf den Boden prallte, fiel es ihr ein, das Irgendetwas. Uroma war fast hundert Jahre alt gewesen und hatte kaum noch geredet, saß meist still im Garten oder in ihrem Zimmer. An eins der wenigen Gespräche erinnerte Sissela sich jedoch mit einem Mal ganz genau. Es musste einige Monate vor der Szene beim Erbsen pulen gewesen sein.
Vielmehr – ein Gespräch, ein Dialog war das eigentlich nicht gewesen. Uroma saß in ihrem Gartenstuhl, Sissela vor ihr auf dem Boden, wie immer spielte sie mit dem Hund. Sie konnte sich gar nicht mehr genau erinnern, was der Hund eigentlich gemacht hatte, aber sie hatte zum Besten gegeben, was sie erst kürzlich in einer Geschichte gehört hatte: „Du bist ein ganz dummer August, bist du!“
Es kam so selten vor, dass Uroma redete, dass Sissela sich erschrocken umdrehte, als die alte Frau hinter ihr plötzlich leise, aber deutlich sagte: „Ja, das war er. Dumm und gierig – nie konnte er genug haben, der August.“
Sissela öffnete den Mund, um den Hund zu verteidigen, so schlimm war er nun wirklich nicht, als die Urgroßmutter fortfuhr: „Deshalb habe ich ja auch den Erich genommen. Dem hätte der Hof gehören sollen, aber der August hat ihm den Hof weggenommen. Und den Erich hat er vertrieben. Aber alles dreht sich irgendwann um. Und ich habe jedem gegeben, was er verdiente. Nur der Hof ...“
In dem Moment war Oma um die Ecke gekommen. Als sie den Monolog ihrer Mutter hörte, blieb sie erschrocken stehen. Der Schreck verwandelte sich rasch in Ärger. „Hör auf, dem Kind diese Dinge zu erzählen! Und du – du gehst mit dem Hund die Eier sammeln!“
Das gab es sonst nie. Der Hund durfte nie auch nur in die Nähe der Hühner oder gar der Eier, seit er festgestellt hatte, wie gut Eier schmecken.

Erich. Ihre Uroma hatte gesagt, sie hätte damals den Erich genommen, nicht den August.
So schnell war Sissela noch nie mit Duschen fertig gewesen, auf das Frühstück verzichtete sie ganz und machte sich dann auf den Weg zum ehemaligen Pfarrer. Sie hatte sich gerade noch die Zeit genommen, ihn vorher anzurufen und zu fragen, ob er überhaupt Zeit für ihre Fragen hatte.
Er hatte nicht nur Zeit, er hatte auch Brötchen und Kaffee, denn er saß gerade beim Frühstück und lud Sissela kurzerhand dazu ein. Der Hunger überwog ihr Anstandsgefühl und sie schlug zu, während der alte Pastor erzählte.
„Erich und August. Ja, von denen hat meine Mutter oft erzählt. Brüder waren das, Zwillingsbrüder. Sie glichen sich wie das berühmte Ei dem anderen. Angeblich waren sie nur an einer Sache zu unterscheiden – August war Rechtshänder, Erich Linkshänder.“
„Und mit welchem von beiden war meine Uroma denn nun verheiratet? Sie selbst sprach von Erich, die Heiratsurkunde nennt aber August. Versteh ich nicht. Uroma war alt und ein bisschen schusselig, aber nicht dement.“
„August. Sie hat schließlich August geheiratet. Das war eine lange Geschichte, aus der man heute wohl eine noch längere Telenovela machen würde. Meine Mutter und ihre Rommé-Truppe haben das Ganze bei mindestens jedem zweiten Treffen wieder aufgewärmt. Und die haben sich wöchentlich getroffen! Erich war der Ältere und damit der Hoferbe. Und er und deine Urgroßmutter waren verliebt und bereits verlobt. Wahrscheinlich hat deine Uroma das gemeint. Dass sie sich eigentlich für den Erich entschieden hatte. Aber dann ging Erich nach Amerika, August übernahm den Hof und bekam schließlich auch Hildegard. Daran hatte deren Vater wohl keinen geringen Anteil. Er wollte seine Tochter unbedingt auf der Hufe 15 sehen. Die hatte vor Urzeiten mal seiner Familie gehört, bevor der Großherzog sie den Holters gab. Als es das Erbpachtwesen noch nicht gab.“
„Wie? Erich steht kurz vor der Hochzeit, und dann fällt ihm ein, ach, ich könnte ja mal nach Amerika auswandern?“
„Ja“, der Pastor setzte die Teetasse ab, „da gab es wohl ein paar Merkwürdigkeiten. Um diese Ausreise.“
„Merkwürdigkeiten?“ Das wurde ja immer spannender. „Was für Merkwürdigkeiten?“
Der Pastor schüttelte seufzend den Kopf. „Wenn ich das wüsste. Das ist jetzt ... nun ja, um die ... wie alt bist du jetzt, Sisselchen?“
„Einunddreißig.“
Der Pfarrer sah sie erstaunt an. „Du lieber Himmel, wie die Zeit vergeht. Gut, dass ich dich nicht gefragt habe, ob du noch zur Schule gehst. Nun, dann ist das jetzt vielleicht fünfundzwanzig Jahre her. Herr Wille kam damals zu mir, er brachte mir die Chronik, die er im Auftrag der Gemeinde verfasst hatte. Er sagte, ich solle sie mir mal ansehen. Ob man das, was er da zusammengetragen hatte, wirklich veröffentlichen sollte. Veröffentlichen dürfte. Er war ziemlich aufgeregt und ich habe nicht genau verstanden, was er meinte. Es ging um einen Mord in Bobbenrode. Dein ... ja, der Erich Holter muss ja dein Urgroßonkel gewesen sein, also er war wohl der Hauptverdächtige, konnte dann aber ein Alibi vorbringen. Kurz danach ging er dann nach Amerika. Einige Jahre später passierte dann der Brand, und bei der Geschichte stimmte wohl irgendwas nicht.“
„Und das hatte der Wille herausgefunden? Und in die Chronik geschrieben? Was war denn da?“
„Wie gesagt – ich weiß es nicht. Ich habe die Chronik nie gelesen. Die Beerdigung von deiner Urgroßmutter stand kurz bevor und ich hatte die Chronik ins Regal gelegt, um sie später zu lesen. Und dann war sie verschwunden. Genau wie der Wille.“
Sissela saß mit offenem Mund da. „Wie der Wille?“ brachte sie schließlich hervor. „Soll das heißen, der Chronist ist gleich mit verschwunden?“
Der Pfarrer nickte. „Ja, er wurde nach der Beerdigung deiner Urgroßmutter nie wieder gesehen.“

Sissela rieb sich die Augen. Es dämmerte bereits. Sie war am Abend zwar sehr schnell eingeschlafen, dann aber kurz nach Mitternacht wieder hellwach. Nach einer Weile Hin-und-her-Wälzen im Bett beschloss sie, die Zeit lieber zum Ausmisten zu nutzen. Das Dach sollte gedämmt werden, aber bevor die Handwerker sich des Daches annehmen konnten, musste sie auf dem Boden erst einmal Platz schaffen, damit die das Dach überhaupt finden konnten. Hatte die alte Berta ihr nicht auch zum Aufräumen geraten? Sissela kicherte. Wahrscheinlich kannte ein berufsmäßige Spökenkiekerin auch Sisselas Hang zur Unordnung. Sie stieg nach oben und schob die widerstrebende Tür zum Dachboden auf. Du lieber Himmel!
Als Sissela das Durcheinander von Truhen, Schränken, Schachteln, Kisten und Kästen sah, verließ sie der Mut. Ihre Oma war herzkrank gewesen, wie auch Uroma, und zum Schluss konnte sie die geringste Aufregung nicht mehr verkraften, geschweige denn, Dachböden aufräumen. Und so sah es hier auch aus. Aber es half ja nichts. Seufzend machte Sissela sich an die Arbeit und öffnete die erste Truhe. Bettwäsche mit Hohlsaumstickerei, würde heute kein Mensch mehr machen. Aber als Sissela den Stoff hochhob, zerbrach er in den Knicken. Na, dann konnte sie den Inhalt der Truhe ja wohl unbesehen in den Container im Hof befördern. Sie griff sich einen Arm voll Weißwäsche und stutzte. Da war doch etwas Hartes zwischen. Sissela wühlte in dem Stoff und bekam schließlich etwas zu fassen, das sich wie ein Buch anfühlte. Dann kam eine alte Kladde zum Vorschein, sie trug einen Aufkleber mit der Aufschrift:
Chronik Bobbenrode. Verfaßt von Bert Wille, 1985.
Sissela ließ sich und die Wäsche auf den Boden fallen, die Chronik in den Händen.
Seit Monaten suchte sie nun nach dem Datum, zu dem Bobbenrode die Spritze gekauft hatte, seit Monaten hatte sie davon geträumt, diese Chronik noch irgendwo zu finden. Nun hielt sie sie in den Händen und traute sich nicht, sie aufzuschlagen. Dass die Kladde hier auf dem Dachboden lag, konnte nur bedeuten, dass ihre Oma sie aus der Pfarrstube gestohlen hatte. Warum hatte sie das getan? Was stand da drin? Was stand da drin, was Oma verheimlichen wollte? Wollte Sissela das wirklich wissen? Hm, ja, natürlich wollte sie das wissen. Genau genommen platzte sie vor Neugier. Also fing Sissela gleich in der Nacht zwischen dem Dachbodengerümpel an zu lesen.
Das Buch begann mit einem eingeklebten Foto vom Chronisten, einem älteren Herrn, mit einer Taschenuhr in der Hand – was Sissela ein wenig affig fand. Schließlich stammte das Foto aus den 80er Jahren, da trug kein Mensch mehr Taschenuhren. Sie überflog die ersten Seiten, las beiläufig, dass die Spritze am 3. 7. 1905 gekauft wurde, verschob das aber auf später, bis sie schließlich an den Abdrucken einiger Zeitungsartikel hängen blieb.
Der erste schilderte in der damals üblichen, für heutige Begriffe geradezu blumigen Sprache, wie in Bobbenrode im Graben in der Nähe des Heidekrugs eine übel zugerichtete Leiche gefunden wurde – Reality-TV von vor hundert Jahren. Man vermutete, dass das Opfer, das als Heinrich Bosse identifiziert worden war, im Heidekrug gewesen und auf dem Heimweg überfallen worden war.
Im zweiten Artikel wurde berichtet, dass Erich Holter als Hauptverdächtiger verhaftet worden war. Er hatte im Heidekrug einen heftigen Streit mit Bosse gehabt, das konnten mehrere weitere Gäste bezeugen. Darüberhinaus hatte die junge Frau Berta Wille gesehen, wie Erich wenige Minuten nach dem Opfer die Straße vom Heidekrug hinuntergelaufen war, und ein Kätner Jess hatte ein Taschenmesser gefunden, das er eindeutig als das Eigentum von Erich erkannt hatte.
Der dritte Artikel erzählte schließlich, dass Erich Holter trotz dieser erdrückenden Beweise wieder freigelassen werden musste, weil sein Bruder August ihm ein Alibi gegeben hatte. Außerdem waren die Wunden von einer Art, dass es schwer vorstellbar war, dass ein Linkshänder der Täter hätte sein können.
Sissela las die Artikel noch einmal aufmerksam durch. Also der Bruder ihres Urgroßvaters wurde des Mordes verdächtigt, der Verdacht konnte aber offenbar entkräftet werden. Erich hatte ein Alibi und kam als Linkshänder eigentlich nicht in Frage. Aber wenn Erich unschuldig war, zudem auch noch Hofbesitzer, oder zumindest Hoferbe, und im Begriff war, zu heiraten, warum war er dann ausgewandert? Diese Frage stellten sich die Zeitungsschreiber, der Chronist stellte sie und auch Sissela fragte sich das. War Erich doch der Mörder und August hatte seinen Bruder gedeckt? Ihm ein falsches Alibi gegeben? Darauf deutete ja auch hin, was der Pfarrer über die Andeutungen des verschwundenen Chronisten erzählt hatte. Hastig las Sissela weiter.
Direkt nach den Berichten über den Mordfall schilderte der Chronist den Großbrand auf der Hufe 15. Er zitierte die Zeitungsartikel, die Sissela auch schon gelesen hatte, schilderte, wie drei Tagelöhner bei Rettungsversuchen umkamen, als das Dach einstürzte. Die Holters hatten den Hof nie wieder aufgebaut, August war dem Feuer zwar lebend, aber nicht unverletzt entkommen. Seine rechte Hand war so verbrannt, dass er sie nie wieder benutzen konnte. Einhändig hat er keinen Hof bewirtschaften können und verdiente sein Geld danach als Kirchendiener. Die Familie zog in den Katen, der zum Hof gehört hatte. In Sisselas Katen.
Dann zitierte der Chronist aus den Erinnerungen seiner Mutter Berta Wille, offenbar direkt nach einer mündlichen Wiedergabe geschrieben, vielleicht nach einer Tonbandaufzeichnung.

Ich hatte damals – wie lang ist das jetzt her? Achtzig Jahre? Also ich hatte die Leiche in der Brandruine gesehen – das war August, eindeutig August. Hinterher haben sie behauptet, ich hätte den Burmeister gesehen, aber dessen Leiche lag ganz woanders. Und nur August hatte solche krummen Zeigefinger. Burmeisters Leiche hatte nach dem Brand doch überhaupt keine Finger mehr! Natürlich hatte auch Erich so krumme Zeigefinger, aber der war ja weit weg. Obwohl – ich habe ihn gesehen. Am Abend, eine Stunde, bevor das Feuer ausbrach. Ich würde Stein und Bein schwören, das war der Erich, der da auf den Hof schlich – so ganz heimlich, ständig hat er sich umgesehen. Hat an die Hintertür geklopft, mit links! Das hätte August nie gemacht – weder an die Hintertür geklopft, noch mit links. Und dann kam die Hildegard raus und hat ihn mit sich reingezogen. Ganz heimlich taten die. Aber das konnte wohl nicht sein, der war ja weit weg, der Erich. Und die Leiche war dann auch weg. Die vom August. Dafür war der August wieder da, wenn auch ohne rechte Hand. Aber der konnte bald seine Linke gebrauchen wie die Rechte. Sehr bald konnte der das. Sehr bald.

Sissela ließ die Kladde sinken und starrte durch das fast blinde Fenster. Was war das denn? Erich wieder da, oder vielleicht auch nicht? Eine Leiche verschwindet und ist dann wieder lebendig? Berta Wille. Das musste die Mutter sein. Die Mutter der Berta Wille, mit der Sissela gestern gesprochen hatte. Dann wäre der verschwundene Chronist der Bruder der jetzigen alten Berta. An die alte Berta Wille erinnert Sissela sich noch ganz dunkel. Über hundert Jahre alt musste die damals gewesen sein, noch älter als Uroma. Wurde die heutige Berta schon als Spökenkiekerin belächelt, hatte die alte erst recht niemand ernst genommen. In Bobbenrode kursierten dutzende von Anekdoten über ihre Geschichten.
Und wenn die alte Berta keinen „Spök kiekt“ hatte? Wenn es stimmte, was sie erzählt hatte? War Erich heimlich zurückgekehrt? Hatte Sisselas Urgroßmutter besucht? Aber warum eigentlich so heimlich? Hatte er immer noch Angst, für diesen Mord doch noch ins Visier der Polizei zu geraten? Oder lief da noch was zwischen Erich und Hildegard, von dem August besser nichts erfahren sollte? Steckte das hinter Uromas Bemerkung, sie hätte den Erich genommen?
Sissela las den Bericht der alten Berta noch einmal. Stopp. Da war ja noch die Leiche. Die von August und doch nicht August. War das dann seine Leiche? Die von Erich? Ja, so musste es gewesen sein, das war die einzige logische Möglichkeit, alle Aussagen in Übereinstimmung zu bringen. Erich war zurückgekehrt auf den Holterschen Hof, unglücklicherweise an dem Abend des Brandes, und bei dem Feuer ums Leben gekommen. Zufrieden lehnte Sissela sich zurück und reckte sich. Inzwischen schien die Sonne durch das Fenster oder bemühte sich wenigstens, den Staub zu durchdringen.
Dann runzelte Sissela die Stirn und beugte sich wieder über den Text. Irgendwas stimmte da immer noch nicht. Warum sollten August und Hildegard die Leiche verschwinden lassen? Aus welchem Grund sollte verborgen bleiben, dass Erich nach Bobbenrode zurückgekehrt war?
Es sei denn ... Sissela stand auf und malte Kringel in den Staub am Fenster. Es sei denn, der Ausbruch des Feuers kurz nach Erichs Ankunft war kein Zufall. Es sei denn, er hatte August das Haus angesteckt. Weil er dem Bruder den Hof nicht gönnte. Oder die Frau zurückhaben wollte. Oder beides. Um dann aber offenbar selbst in dem Feuer umzukommen. Uroma hatte ja gesagt, jeder der beiden hätte bekommen, was er verdiente. Dann hatten Hildegard und August die Leiche wohl nur beseitigt, um allen Fragen und Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen. Das hatte vielleicht nur was mit Versicherungszahlungen zu tun. Am Ende zahlten die nicht, wenn der eigene Bruder das Haus ansteckte.
Die Spritze und das Anschaffungsdatum hatte Sissela völlig vergessen.

Die nächste Stunde verbrachte Sissela damit, darüber nachzudenken, was diese Chronik nun eigentlich für sie bedeutete. Konnte sie die an die Öffentlichkeit geraten lassen? Aber andererseits – musste sie das nicht? Es standen ja nicht nur Dinge über ihre Familie darin, sondern viele andere Details aus der Geschichte des Dorfes, die nicht verloren gehen durften. Aber wenn herauskam, dass ihre Urgroßeltern eine Leiche beseitigt hatten? Andererseits, sie hatten Erich nicht umgebracht, er war bei dem Feuer ums Leben gekommen, bei einem Feuer, dass er wahrscheinlich selbst gelegt hatte.
Sie wollten nur Ärger vermeiden.
Wirklich nur das? Welchen Grund konnte man sonst haben, die Leiche eines Brandstifters zu beseitigen, wenn man selbst das Opfer war?
Und warum stahl Sisselas Oma achtzig Jahre später noch die Chronik? Oma hatte doch mit dem Ganzen nichts mehr zu tun, sie war erst wenige Jahre alt, als der Brand stattfand. Uroma konnte die Chronik nicht gestohlen haben, ihre Beerdigung war ja der Grund gewesen, weshalb der Pfarrer nicht mehr zum Lesen gekommen war. Woher wusste Oma überhaupt, was in dieser Chronik stand? Von dem Chronisten selbst? War der nicht bei Uroma zum Interview gewesen?
Sissela gab auf. Mit Grübeln würde sie nie auf die Lösung all dieser Rätsel kommen, und sie hatte keine Ahnung, wen sie danach fragen sollte. Wusste ihre Mutter noch etwas über die alte Geschichte? Das war schwer vorstellbar, ihre Mutter interessierte sich nicht für diesen „drögen Kram“, wie sie nicht müde wurde, zu betonen (in der Regel sehr ärgerlich). Aber sie würde heute Abend zu Besuch kommen und Fragen kostete ja bekanntlich nichts.

Bis zum Abend waren es noch ein paar Stunden und Sissela musste ihre kreisenden Gedanken im Zaum halten. Also beschloss sie, die Erdbeerpflanzen gleich einzupflanzen. Sie hatte keine Ahnung von Gartenarbeit und konnte nicht beurteilen, ob der Rat der alten Berta gut oder schlecht war. Aber da sie keine andere Idee hatte, konnten die Erdbeerpflanzen genauso gut hinter den Rhabarber ihre neue Heimat finden. Allerdings würde das anstrengend werden. Die Fläche lag seit Uromas Tod brach und war von Unkraut zugewuchert.
Sissela holte Grabegabel und Schubkarre und machte sich an die Arbeit, grub, zerkrümelte, sortierte Unkrautwurzeln und Erde, warf ersteres in die Schubkarre und letzteres ins Beet, und kam Stück für Stück voran. Allmählich beruhigten sich die Gedanken, kamen immer seltener, bis sie gar nicht mehr dachte und nur noch braune Erde und blasse Löwenzahnwurzeln sah. Braune Erde, blasse Wurzeln, grüne Stängel und goldene Taschenuhren.
Eine goldene Taschenuhr, um genau zu sein. Und einen Fingerknochen.

Sissela reichte ihrer Mutter die Chronik und griff nach ihrer Tasse, weniger um zu trinken, als um die klammen Finger zu wärmen. Man fand nicht alle Tage Knochen im Garten.
Ihre Mutter hatte die Chronik mechanisch genommen, schlug sie aber nicht auf, sondern saß stocksteif da und starrte auf die alte Kladde. „Sie hat die Chronik aufgehoben? Sie hat das verdammte Ding aufgehoben? Sie sollte sie verbrennen!“
Die Sammeltasse zerschellte in tausend Scherben.
„Du hast von der Chronik gewusst? Und was da drin steht? Dass Erich August den Hof angezündet hat? Ihn vielleicht sogar auf die Weise töten wollte, auf die er dann selbst umkam? Im Feuer? Aus Eifersucht, weil August seine Verlobte bekommen hatte? Oder weil er ihm den Hof nicht gönnte?“
Die Mutter verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. „Nicht ganz so.“
Dann stand sie auf und ging eine Weile auf und ab.
„Was – nicht ganz? Hast du am Ende sogar von der Leiche im Garten gewusst? Wie ist die da hingekommen?“ Sissela schrie fast.
„Deine Oma und ich haben sie da vergraben.“
Sissela war sprachlos.
Ihre Mutter nahm ihre Wanderung wieder auf. Schließlich stellte sie sich ans Fenster, sah hinaus und erzählte dem Garten die ganze Geschichte.
„Deine Uroma hatte ein Herzleiden und musste regelmäßig Medikamente nehmen. Und eines Tages reichten die nicht mehr aus, sie starb, trotzdem sie die Tropfen genommen hatte. So die offizielle Version. Die inoffizielle ist – Sie hat die Tropfen nicht genommen, sie hat sie Herrn Wille in den Tee getan. Als er kam, um sie wegen der Ereignisse damals bei dem Brand zu interviewen. Sein Herz war leider ganz gesund. Sodass es die Tropfen nicht verkraftete. Deine Oma fand ihn hier, und wir beide haben ihn im Garten vergraben. Nachdem wir dich mit dem Hund ans andere Ende des Dorfes zu Tante Marthas Laden geschickt hatten.“
„Wegen der Zuckerherzen, ich weiß.“ Sissela ließ den Kopf in die Hände sinken. „Aber warum? Warum hat sie ihn umgebracht? Was ist denn nach so vielen Jahren so schlimm an dieser Geschichte?“
„Hast du den Bericht von der Wille genau gelesen?“
Sissela zuckte die Schultern. „Ja – wieso ...?“
„Auch die letzten Sätze?“
Sissela runzelte die Stirn, fasste sich an die Schläfen, griff dann nach der Chronik und suchte den Bericht.
Dafür war der August wieder da, wenn auch ohne rechte Hand. Aber der konnte bald seine linke gebrauchen wie die rechte. Sehr bald konnte der das. Sehr bald.
Sissela schüttelte fragend den Kopf, öffnete den Mund – dann erschlafften ihre Gesichtsmuskeln. „Nein. Das ist nicht dein Erich. Das kann nicht ... August konnte nach dem Brand die linke Hand so schnell so geschickt benutzen, weil ... oh Gott, weil es gar nicht August war? Weil es Erich war? Die Leiche war tatsächlich von August? Und Erich hat Augusts Platz eingenommen? Uroma hat tatsächlich Erich genommen? Oder besser: bekommen?“
Uroma hatte gesagt, jeder hätte bekommen, was er verdiente.
Die Mutter nickte. „Erich war zurückgekehrt. Er hatte einfach Heimweh, obwohl die Rückkehr immer noch ein Risiko war. Denn das Alibi von August war gelogen. Versteht das nicht falsch, Erich war unschuldig, er hatte den Mord nicht begangen. Aber er hatte den Bosse auf dem Heimweg noch einmal verprügelt und dabei sein Taschenmesser verloren. Als die beiden sich trennten, lebte der Bosse noch, aber das hätte Erich nie beweisen können. Was August dann schamlos ausnutzte. Von Anfang an war August eifersüchtig auf Erich gewesen, wegen der zwei Stunden, die der älter war. Zwei Stunden, die August den Hof gekostet hatten. Deshalb hatte er Erich das Alibi gegeben und im Gegenzug verlangt, dass er das Land verlässt und ihm den Hof überlässt. Und mit dem Hof auch die Frau, denn deren Vater wollte Hildegard nur dem Besitzer der Hufe 15 geben. Ein paar Jahre später kam Erich dann aber zurück und suchte seinen Bruder auf. Es kam zum Streit, August drohte, das falsche Alibi auffliegen zu lassen. Und dann kam heraus, dass August selbst den Mord an Bosse begangen hatte. Bosse war ihm völlig egal, aber er hatte den Streit im Heidekrug und die Prügelei hinterher beobachtet und eine Gelegenheit erkannt, seinem Bruder ein Verbrechen anzuhängen und ihn loszuwerden. Im Grunde hatte er also nicht nur seinem Bruder, sondern auch sich selbst ein Alibi verschafft. Als Erich das erfuhr, ist er auf August losgegangen. Aber August war stärker und gewann bald die Oberhand. Er würgte Erich, der lief schon ganz blau an, da hat Uroma August irgendwas auf den Kopf gehauen. Einen Tontopf, glaube ich. Sie war kräftig, deine Uroma. August fiel tot um. In Panik haben die beiden dann das Haus angesteckt, um die Spuren zu beseitigen. Den Rest kennst du. Da außer der alten Berta niemand Erich gesehen hatte, konnte er leicht den Platz seines Bruders einnehmen.“
Sissela versuchte irgendwo in ihrem Hirn einen klaren Gedanken zu finden. „Und das hat Uroma euch alles noch erzählt?“
„Naja, mir hat sie es erzählt. Oma wusste Bescheid, schon lange. Erich konnte sie damals nicht täuschen. Ein Kind von fünf Jahren merkt, wenn der eigene Vater plötzlich ein anderer ist. Und Uroma ist ja nicht gleich tot umgefallen, nur weil sie ihre Tabletten nicht genommen hatte. Deswegen haben wir doch die Leiche überhaupt nur weggeschafft – Uroma lebte noch, und wir dachten, es geht vielleicht alles gut – hätten wir zulassen sollen, dass die alte Dame wegen Mordes verhaftet wird? Aber dann ist sie doch gestorben.“
„Urgroßmutter hat ihren zerbrochen ...“ Sisselas Stimme versagte. Uroma hatte gesagt, sie hätte jedem gegeben, was er verdiente.
Ihre Mutter sah sie erstaunt an. „Was hat wer zerbrochen?“
Sissela biss sich auf die Lippe. „Berta – die alte Berta, sie hat damals ...“
„Ja. Nein, nicht die alte Berta von heute natürlich, so alt ist noch nicht einmal die. Es gab mehrere davon, Mütter und Töchter, eine wunderlicher als die andere. Zum Glück. Wenn man ihre Geschichte Erich genommen hätte ...“ Sisselas Mutter lachte kurz. „Die heutige Berta ist womöglich noch wunderlicher. Stell dir vor, sie hat mir, als ich vorhin vom Bahnhof an ihrem Zaun vorbeiging, das hier gegeben. Und irgendwas gemurmelt, es wäre höchste Zeit, uns das zurückzugeben. Sie hätte noch mehr davon.“ Sie zeigte Sissela eine Tonscherbe. Eine Tonscherbe mit Brandspuren. Der Raum schien plötzlich keine Luft mehr zu enthalten. Sissela starrte auf die Scherbe, die ihre Mutter achtlos auf den Kamin gelegt hatte. Dahin, wo bereits die andere Scherbe lag, die die Sissela unter dem Bett ihrer Großmutter gefunden hatte.
Eine Weile herrschte Schweigen. Erst als ein Scheit im Kamin knackte, straffte sich Sisselas Mutter und stand auf. „So, nun kennst du die ganze Geschichte. Nur du und ich wissen jetzt noch davon. Mutter und Oma sind tot, die Berta von damals ebenfalls, und solange die Chronik nicht wieder auftaucht, ist alles in Ordnung. Solange die Chronik nicht wieder auftaucht. Also entscheide dich, was du damit tust.“
Noch lange, nachdem ihre Mutter zu Bett gegangen war, saß Sissela mit der Chronik auf dem Schoß am Kaminfeuer, neben sich Bertas schweren Tontopf. Den, der noch nicht zerbrochen war. Mit dem würde sie irgendwann zu Berta gehen müssen. Aber erst einmal holte sie noch Holz. Das Feuer drohte auszugehen.

© Wiebke Salzmann, 2010

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